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Social Media und Journalismus in Zeiten von Fake-News-Debatten

Swen Thissen auf der Social Media Week Hamburg 2019

4. März 2019 - Woran lassen sich Fake News erkennen? Welche Ziele verfolgen sie? Und welche Auswirkungen hat das in den sozialen Netzwerken auf Journalisten und Leser? Am Freitag sprach Swen Thissen, Head of Social Media beim STERN, auf der Social Media Week Hamburg im Altonaer Museum über Herausforderungen und Ansätze im Umgang mit Fake News bei STERN Digital.

Es gibt kaum ein Thema, zu dem sich heutzutage im Netz keine Informationen finden lassen. Zugleich wird es jedoch immer schwieriger zu entscheiden, welche davon tatsächlich vertrauenswürdig sind. Nicht nur die Masse an Falschmeldungen nimmt zu, auch ihre Machart wird immer professioneller. "Fake News stellen Journalisten vor die Aufgabe, neue Methoden zu entwickeln, um diese als gefälschte Nachricht zu enttarnen und sie nicht weiterzuverbreiten", sagte Swen Thissen am Freitag auf der Social Media Week in Hamburg. "Bei STERN.de wollen wir unserer Verantwortung nachkommen und unsere Leser bestmöglich informieren. Wir spüren die Verunsicherung bei Teilen unserer Leserschaft. Unser Ziel ist es natürlich, weiterhin als seriöse Medienmarke wahrgenommen zu werden. An der grundsätzlichen Arbeitsweise ändert das nichts, schließlich wollen wir schon immer korrekte, gut recherchierte Inhalte erstellen. Aber wir haben festgestellt, dass wir an unseren Strukturen arbeiten müssen – und dass wir mehr, besser und anders kommunizieren müssen, um für mehr Transparenz zu sorgen." Mit seinem Vortrag gab Thissen daher Einblicke in Recherche, Verifikation sowie redaktionelle Formate bei STERN Digital.

Vor rund zwei Jahren startete die Redaktion eine Verifikationsoffensive, die Schritt für Schritt ausgebaut wurde. Über 100 Methoden und Tools sind heute beim Faktencheck im Einsatz. Bei der Überprüfung von Meldungen gehen die Redakteure beispielsweise folgenden Fragen nach: Seit wann ist das Profil angemeldet, von dem die Nachricht verbreitet wird? Sind die Follower echt? Passen Wetterverhältnisse oder Kartendaten zu einem Video oder Bild, das an einem bestimmten Tag an einem bestimmten Ort entstanden sein soll? Zusammen mit "RTL" und "NTV" hat der STERN dafür ein redaktionsübergreifendes Verifikationsteam im Hause Bertelsmann gebildet, das mit mehr als 100 Kollegen gemeinsam Fact-Checking betreibt. "Die enge Zusammenarbeit und der Austausch über Recherchewege und -ergebnisse ermöglicht eine schnelle Reaktion auch bei Lagen und großem Zeitdruck", erklärte Thissen.

Fakten nicht nur zu prüfen, sondern auch den Rechercheweg für die Leser offenzulegen, zählt ebenfalls zum Ansatz von STERN Digital. "Wir formulieren klar: Was wissen wir woher – und wie gesichert ist die Information? Wie haben wir recherchiert? Was wissen wir noch nicht?", betonte Thissen. "Außerdem gilt bei uns Seriosität vor Schnelligkeit! Und zwar immer, in jeder Situation. Wir treffen die bewusste Entscheidung, unter Umständen auch mal langsamer als die Konkurrenz zu sein. Wir publizieren einen Text erst, wenn wir wissen, dass die Fakten stimmen. Wir sind uns sicher: Auf Dauer zahlt sich unser Weg aus."

Als Beispiele für die neue Form von Erklärjournalismus, der Fakten überprüft und Rechercheweg offenlegt, nannte Thissen Stücke wie die Untersuchung des Jagdszenen-Videos aus Chemnitz, aber auch das neue Videoformat "Fake or No Fake", das dem Leser vor Augen führt, wie täuschend echt Videos manipuliert werden können.

Fake News seien eines der größten Probleme der modernen Demokratie, schloss Thissen bei seinem Vortrag: "Wir wollen gewappnet sein gegen Fake News und Betrüger, die immer professioneller werden. Vor allem wollen wir über das Thema Fake News mit den Leuten sprechen!" Er hoffe, dass andere Akteure die Wichtigkeit ebenfalls erkennen – dass soziale Netzwerke ihren Teil beitragen, dass die Politik mehr Raum für Medienbildung und -kompetenz der Bürger schafft, dass die Nutzer von sozialen Netzwerken für das Problem sensibilisiert werden. Denn: "Fake News sind noch immer recht neu. Und wir müssen davon ausgehen, dass uns das Thema noch sehr lange begleiten wird."