Inside G+J

Aus dem Inneren einer Corona-Klinik

Hamburg, 3. Juli 2020 - Bis zur Erschöpfung ringt ein Team im Universitätsklinikum Bonn mit dem Virus, das die Welt verändert hat. GEO-Reporterin Vivian Pasquet hat Klinikpersonal und Patient*innen über Wochen begleitet. Über ihre Erfahrungen spricht sie im Interview.

Vivian, für den Beitrag "Den Feind im Nacken" warst du mit dem Fotografen Daniel Etter mehrere Wochen im Uniklinikum Bonn – wie darf man sich euren Aufenthalt dort vorstellen?

Wir haben Krankenhauskleidung bekommen und konnten so überall dabei sein: Ich war mit Pfleger*innen am Krankenbett, erlebte Ärzt*innen bei einer Reanimation, war bei Besprechungen der Klinikleitung dabei, saß daneben, wenn Angehörige anriefen. Wir besuchten die Labore der Klinik, das Lager, Daniel Etter flog einen Hubschrauber-Einsatz mit. Tag und Nacht verschwammen, oft begannen wir früh am Morgen oder blieben bis nachts auf Station.

Was waren die besonderen Herausforderungen bei der Recherche im Klinikalltag?

Zu Beginn: den Überblick über all die verschiedenen Schauplätze zu bekommen, all die Menschen kennenzulernen, zu entscheiden, wo und mit wem ich die nächsten Tage und Wochen verbringe. Es sollte eine Reportage werden, von der man in diesen Zeiten nicht denkt "Habe ich alles schon mal gelesen". Dann: die Arbeitszeiten der Mitarbeiter*innen mitzumachen. Teils kurz vor Mitternacht kam zum Beispiel eine Mail: „Habe jetzt Zeit zu sprechen.“Schließlich: Aus zwei vollen Notizbüchern die richtigen Augenblicke, Gedanken und Beobachtungen auszuwählen, so dass die Leser*innen bis zum Ende dabeibleiben.

Die Reportage beschreibt auch sehr eindringlich menschliche Schicksale hinter Corona – was hat dich in der Zeit am meisten berührt?

Am späten Abend standen Ärzt*innen und Pfleger*innen vor dem Zimmer einer Patientin und sprachen darüber, was zu tun ist, wenn sie diese Nacht stirbt. Durch eine Scheibe in der Tür konnte man die Frau sehen, sie lag auf dem Bauch und ihr Rücken bewegte sich unter der künstlichen Beatmung auf und ab. Diese Situation, dass sie da drinnen noch lebte und draußen auf dem Flur schon über ihren Tod gesprochen wurde, hat mich berührt. Die Tage zuvor sah es noch so aus, dass sie überleben würde. Traurig war auch, dass die Familie nicht ins Klinikum kommen konnte und sie so ohne ihre Familie starb.

Berührt hat mich auch die Verzweiflung vieler Angehöriger, die nicht die Klinik durften. Einer rief mehrmals täglich an, die Gespräche zwischen dem Oberarzt und ihm zu hören, war schwer auszuhalten. Die Frau des Mannes kämpfte wochenlang um ihr Leben, der saß allein mit seinem Sohn daheim und war ebenfalls mit dem Virus infiziert. Immerhin gab es hier aber ein Happy End: Als das Besuchsverbot aufgehoben wurde, durfte er seine Frau nach Wochen endlich wiedersehen. Als er dem Team im Krankenhaus gegenüberstand und sich dafür bedankte, dass sie seiner Frau das Leben gerettet haben, kamen vielen die Tränen.

Hier geht's zur Reportage auf GEO.de.