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"Die Fifa schafft für vier Wochen einen fiktiven Raum"

Andreas Bock 11Freunde
Andreas Bock ist für 11FREUNDE vor Ort bei der WM in Russland

4. Juli 2018 - 2018 feiert Russland sein Fußball-Sommermärchen. Zum einen weil die russische Mannschaft im Viertelfinale steht. Vor allem aber präsentiert sich Russland der Welt dieser Tage als scheinbar perfekter Gastgeber. Ein Interview über das Geschehen jenseits des offiziellen WM-Rummels mit Andreas Bock, der für 11FREUNDE vor Ort berichtet.

Sie berichten für 11FREUNDE über die WM in Russland. Ihr erster Eindruck?
Die Menschen sind offen und freundlich, die Organisation ist gut, das Wetter fantastisch. Es gibt keine Probleme mit der Polizei und keine großen Hooligan-Ausschreitungen, wie vor allem britische Medien vorab befürchtet haben. Aber der erste Eindruck ist eben immer nur: der erste Eindruck. Eine Momentaufnahme. Man sollte stets im Hinterkopf behalten, dass eine WM eigentlich nicht in einem realen Land stattfindet. Die Fifa schafft für vier Wochen einen fiktiven Raum, quasi ein Fifa-Land, in dem wiederum der Gastgeber versucht, sich der Welt offen und sympathisch zu zeigen. Ein Beispiel unter vielen: LGBT-Aktivisten berichteten vor der WM über alltägliche Gewalt gegen queere Personen. In Fußballstadien würden sie schon lange nicht mehr gehen, eine Regenbogenflagge bei Spartak Moskau oder Zenit Sankt Petersburg wäre undenkbar (vor einigen Jahren veröffentlichten etwa die Ultras von Zenit ein Manifest, in dem die Fans gegen schwarze und homosexuelle Spieler wetterten). Und plötzlich ist also alles total bunt und friedlich? Nun können Homosexuelle Arm in Arm durch Moskau laufen? Vor dem Turnier sagte Alexei Smertin (Anti-Diskriminierungsbeauftragter des russischen Verbands) sogar, dass Regenbogenflaggen im Stadion erlaubt seien. Aber zur großen Frage, was nach der WM passiert, äußert er sich nicht. Vermutlich weil er weiß, dass die Realität anders aussieht, wenn das Fifa-Zelt abgebaut wird und der Zirkus die Stadt wieder verlassen hat.
Man sagt, Russen seien verschlossen und hart. Für viele Westeuropäer fremd und unverstehbar. Winston Churchills Satz ist vielleicht ganz passend: "Russland ist ein Rätsel innerhalb eines Geheimnisses, umgeben von einem Mysterium." Ein Engländer sagte in Nischni Nowgorod zu mir: "Ich dachte, die lachen nie. So haben es mir die Medien doch erzählt. Aber das war großer Quatsch." Die Aussage steht stellvertretend für viele Fans aus dem Westen. Auch ich habe viele Menschen kennengelernt, die unwahrscheinlich hilfsbereit waren. Die sich für ein bunteres und offeneres Russland engagieren und sich von dem ganzen reaktionären Gebelle der Mächtigen nicht einschüchtern lassen.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag vor Ort, wie die Arbeitsbedingungen aus?
Alle zwei bis drei Tage schaue ich mir ein Spiel an, wobei ich eher Geschichten drumherum mache. Ich habe etwa iranische Frauen begleitet, denen es in ihrer Heimat seit 37 Jahren verboten ist, ins Stadion zu gehen. Nun konnten viele von ihnen zum ersten Mal in ihrem Leben ein Fußballspiel anschauen (in Russland, was schon irgendwie ironisch ist). Ich bin also die meiste Zeit unterwegs, Texte schreibe ich im Zug, in Hotels, in Cafés und manchmal auch im Pressezentrum der Arenen.

Russland steht laut Reporter ohne Grenzen auf Platz 148 von 180 auf der Rangliste der Pressefreiheit. Gibt es bestimmte Vorgaben für die Berichterstattung oder sonstige Auflagen für ausländische Journalisten?
Mit Visum und Presseakkreditierung habe ich bislang keine Probleme. Allerdings ist auch das eine Momentaufnahme. Ich bin fünf Wochen vor der WM schon einmal nach Russland gereist. Am Flughafen wurde ich an der Passkontrolle rausgezogen, trotz oder wegen des Journalistenvisums. Danach musste ich zwei Stunden warten, ohne dass man mir den Grund verriet. Schikane? Muskelspiele? Es folgte eine ausführliche Befragung, wer ich sei, über was ich schreibe etc. Aktuell gibt es keine Auflagen oder Vorgaben. Wenn ich etwa über die LGBT-Szene schreibe oder die Schwierigkeiten linker russischer Aktivisten, dann lesen das vielleicht einige Personen (vielleicht auch nicht), die das nicht so gut finden. Aber die meisten wissen eh, dass die kritischen oder politischen Artikel im Jubel der Massen und im Fifa-Lärm untergehen. Es sind quasi Kollateralschäden, die man als WM-Land in Kauf nimmt. Am Ende dominieren immer Bilder von tollen Toren oder Fans in lustigen Verkleidungen die WM-Berichterstattung.

Inwieweit ist die Gesamtsituation in Russland während der Fußball-WM Thema? Lassen sich Sport und Politik trennen?
Die WM dient den Machthabern als Bühne. Putin sonnt sich in der WM, selbst wenn er persönlich wenig mit Fußball anfangen kann. Er hat natürlich Vorkehrungen getroffen, damit die Sonne auch durchgehend scheint. Er weiß etwa, wie er hässliche Bilder vermeidet, wie bei der EM 2016, als 200 russische Hooligans 3.000 englische Fans durch Marseille jagten. Viele Hools haben vor der WM Ansagen bekommen: Entweder ihr verhaltet euch ruhig oder es geht ab ins Gulag. In vielen russischen Stadien geben normalerweise rechtsextreme Gruppen den Ton an. Die Funktionäre schauen weg. Immer wieder sieht man in den Fanblöcken Nazisymbole, immer wieder werden afrikanische Spieler mit Affenrufen beleidigt. Viele Vereine, allen voran Spartak und Zenit Sankt Petersburg, müssen deswegen oft Spiele vor leeren Rängen austragen. Statt diese Probleme zu negieren, müsste man neue Strukturen schaffen, in denen es möglich ist, sich für eine bunte und offene Kurve zu engagieren. Man müssten Fanprojekte installieren und mit den Fans in den Dialog treten.

Was wird Ihnen in Erinnerung bleiben?
Sportlich das letzte Gruppenspiel der Argentinier gegen Nigeria. Dieses Spiel war für alle Argentinier das vielleicht wichtigste seit dem WM-Finale 2014. Als Messi das Tor zum 1:0 erzielte, explodierte das Stadion. Es war so laut, dass der Beton vibrierte und selbst die nervige Tormusik nicht dagegen ankam. Menschen lagen sich weinend in den Armen, andere schrien fünf Minuten ununterbrochen ihre Freude hinaus, bis die Stimmbänder versagten.Abseits der Stadien bleiben mir viele Begegnungen mit unterschiedlichen Menschen in Erinnerung. Eine elfstündige Bahnfahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn etwa. Totale Entschleunigung. Und die groteske Vorstellung, dass man bis kurz vor Nordkorea kommt, wenn man einfach noch ein paar Tage in diesem Zug sitzenbleibt. Mit mir im Abteil saßen ein russisches Ehepaar Mitte 70 und ein Mexikaner mit seinem Sohn, die in San Diego leben. Viel Gesprächsbedarf, Putin, Trump, die Mauer, die WM, Mexiko, Russland. Alexander, der 74-jährige Russe, öffnete die Tupperdose für alle und bot Pflaumen an: "Aus meinem Garten, meine Freunde." Am Ende sagte er: "Wir sollten viel mehr reden. Wir sollten alle viel öfter mit der Transsibirischen Eisenbahn fahren."