Pressemitteilung

"Capital-Elite-Panel" zur gesellschaftlichen und politischen Lage in Deutschland: Mehr als drei Viertel der Führungskräfte befürchten stark wachsende Unterschicht

Hamburg, 12. März 2007 – Jeder Zweite erwartet wachsende Zahl der Verlierer der Globalisierung / 72 Prozent bewerten den deutschen Sozialstaat positiv / 84 Prozent sind nicht der Ansicht, das Soziale werde zu stark betont / Kanzlerin Merkel gewinnt bei der Elite wieder deutlich an Ansehen / Enttäuschung über Große Koalition / Konjunktur-Optimismus auf neuem Höchststand

Deutschland droht nach Einschätzung einer großenMehrheit der Führungskräfte die Rückkehr zur Klassengesellschaft. Wie die aktuelleUmfrage unter 646 repräsentativ ausgewählten Führungsspitzen aus Wirtschaft,Politik und Verwaltung zeigt, die das Institut für Demoskopie Allensbach(IfD) für das Wirtschaftsmagazin ´Capital´ (Ausgabe 7/2007, EVT 15. März)regelmäßig durchführt, fürchten 78 Prozent der Elite, dass sich zunehmend eineUnterschicht herausbildet, die sich sozial und wirtschaftlich vom Rest der Gesellschaftabkoppelt. Knapp die Hälfte der Befragten (48 Prozent) erwartet außerdemeine wachsende Zahl von Verlierern der Globalisierung. Die Politik machen aber nur35 Prozent der Elite für die Verschärfung der sozialen Gegensätze verantwortlich.

Trotz allem vertreten vier Fünftel der Top-Entscheider die Überzeugung, dassunsere Marktwirtschaft sozial genug sei. 84 Prozent der Befragten sind nicht derMeinung, dass in unserer Marktwirtschaft "die sozialen Aspekte zu stark betontwerden". Damit stehen die Führungskräfte im absoluten Widerspruch zur Bevölkerung,die zu fast zwei Dritteln die Marktwirtschaft in Deutschland nicht für wirklichsozial halten. Allerdings ist es auch für 96 Prozent der Führungsspitzen wichtig,dass die Bevölkerung das Wirtschaftssystem als sozial gerecht empfindet. Diekonträre Einschätzung der gesellschaftlichen Entwicklung zieht sich durch weitereBereiche. So erachten 77 Prozent der Führungskräfte die deutsche Gesellschaft alsdurchlässig und mit ausreichend Aufstiegschancen. Dazu passt, dass sechs vonzehn Entscheidern die Wohlstandsunterschiede als nicht zu groß ansehen.

Sehr gut schneidet im Urteil der Führungs-Elite die Bewertung des deutschen Sozialstaatsab. Und immerhin 72 Prozent des "Capital-Elite-Panels" sagen, dass derSozialstaat dem Land über die Jahrzehnte mehr Nutzen als Schaden gebracht hat.Für fast jeden Fünften (18 Prozent) überwiegt allerdings der Schaden. Die größtengesellschaftlichen Konfliktpotenziale stecken nach Einschätzung der Elite in denSpannungen zwischen Deutschen und Migranten (35 Prozent) und zwischen derjungen und alten Generation (34 Prozent). "Anwälte des sozialen Ausgleichs" sindfür die Führungskräfte vor allem Kurt Beck, Angela Merkel und Franz Münteferingmit fast gleich großer Bedeutung (22, 21 bzw. 20 Prozent). Von Oskar Lafontainesagen dies nur fünf Prozent.

Bundeskanzlerin Merkel ist für 59 Prozent wieder eine starke Kanzlerin
Nach dem dramatischen Ansehensverlust im Oktober letzten Jahres, als nur nochrund 38 Prozent der Elite Angela Merkel für eine starke Kanzlerin hielten, helfen ihrjetzt die guten Konjunkturdaten aus dem Tal. Sechs von zehn Führungsspitzenhalten Merkel aktuell für stark. "Nun profitiert sie zunehmend vom Aufschwung,der auch die Reformdiskussion zurücktreten lässt", interpretiert Allensbach-ChefinProf. Dr. Renate Köcher. Das Ansehen der Großen Koalition kann davon allerdingsnicht profitieren. So sind trotz der guten Wirtschaftsdaten zwei Drittel der Entscheidervon der Bundesregierung enttäuscht und mit 63 Prozent schätzen so vielewie nie zuvor die Große Koalition in wesentlichen Fragen als uneinig ein. Fast genauso viele bezweifeln, dass die Regierung noch wichtige Reformen durchführenwird. "Kaum jemand liebt Große Koalitionen, da sie zu permanenter Kompromisssuchezwingen", erläutert Demoskopin Köcher.

Konjunktur-Optimismus mit neuem Spitzenwert
Die deutsche Wirtschaft glaubt entgegen aller Befürchtungen durch die höhereMehrwertsteuer wieder an sich selbst und rechnet in lange nicht dagewesenerForm mit einem "kräftigen, dauerhaften Aufschwung". Diese Einschätzung eint 56Prozent der vom "Capital-Elite-Panel" repräsentierten Führungsschicht. Noch voreinem halben Jahr teilten mit 29 Prozent nicht einmal ein Drittel diesen Konjunktur-Optimismus. Entsprechend ist auch die Zufriedenheit mit der Wirtschaftspolitikwieder gestiegen. Waren im Oktober letzten Jahres lediglich 29 Prozent mit derWirtschaftspolitik der Regierung zufrieden, sind es im März dieses Jahres 47 Prozent.Damit nähert sich dieser Wert wieder der Einschätzung aus dem März letztenJahres an, als 53 Prozent Zufriedenheit mit der Wirtschaftspolitik äußerten. "DerAufschwung nährt sich selbst und hält die Stimmung hoch. Wichtig ist, dass dieWirtschaft diese Phase zum Ausbau ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeitnutzt", mahnt ´Capital´-Chefredakteur Dr. Klaus Schweinsberg.

Weibliche und männliche Führungskräfte mit nahezu gleicher EinschätzungDie Ausweitung der Stichprobe des "Capital-Elite-Panels" macht nun auch dieregelmäßige Ausweisung repräsentativer Ergebnisse von über 190 Top-Entscheiderinnenmöglich. Auch bei der zweiten Befragungsrunde mit der größeren Befragtenzahlzeigt sich, dass weibliche und männliche Führungsspitzen bei Sachfragenmeist ähnliche Meinungen vertreten, bei der Beurteilung von Personen und gesellschaftlichenEntwicklungen aber zu teilweise deutlich anderen Einschätzungenkommen. So urteilen mit 56 Prozent weitaus mehr weibliche Führungskräfte, diesozialen Unterschiede in Deutschland seien zu groß. Dagegen sehen dies nur 35Prozent ihrer männlichen Kollegen so. Außerdem halten 79 Prozent der Männerunsere Gesellschaft für sozial durchlässig, dagegen nur 57 Prozent der Top-Entscheiderinnen.

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