Inside G+J

Danke, Bela!

Er war stark, selbstbewusst und mutig. Er war lebensfroh, zuversichtlich und von erfrischender Klarheit. Er war das Kraftzentrum von Gruner + Jahr, das er fast zwei Jahrzehnte lang als Vorstandsvorsitzender durch eine goldene Ära führte: als Senkrechtstarter im Druckereigeschäft; als Verleger, der lernte, den Journalismus zu lieben; als überaus erfolgreicher Manager, als unvergesslicher Charakterkopf. Gerd Schulte-Hillen hat Gruner + Jahr groß gemacht, und er war selber ein Großer.

Als er im Jahr 2000 bei Gruner + Jahr ausschied, 60 Jahre alt, der damaligen Alterslimitierung im Spitzenmanagement folgend, um den Aufsichtsratsvorsitz von Bertelsmann zu übernehmen, da hatte sich der Umsatz des Druck- und Verlagshauses verdreieinhalbfacht, der Jahresüberschuss verzehnfacht. War aus einem deutschen ein internationales Verlagshaus geworden, der größte Zeitschriftenverlag Europas. Andere Zeiten.

Wie hatte das ein „preußisch erzogener Westfale“, so Gerd Schulte-Hillens Selbstbeschreibung, geschafft? Einer, der in Aachen Maschinenbau mit dem Abschluss zum Diplomingenieur studiert hatte, darauf aufbauend Betriebswirtschaft; einer, der 1969 als Assistent der Geschäftsleitung bei Mohndruck in Gütersloh begonnen hatte, dann mit Druckereien in Spanien, Portugal und schließlich, 1973, in Itzehoe befasst gewesen war? Einer, der von damaligen Granden der Hamburger Medienwelt in kaum verhohlener Abschätzigkeit als „ein guter Drucker“ bezeichnet wurde, als er 1981 den Vorstandsvorsitz von Gruner + Jahr übernahm?

Zur Grundausstattung von „Bela“, so hatte ihn sein Kindermädchen genannt, und so nannten ihn bald auch die freundlich gesonnenen Menschen, gehörte, dass er „voller Vertrauen und Optimismus in diese Welt gegangen“ war. Was er, wie er sagte, seinen Eltern verdankte. Dass er ein ansteckendes „Vergnügen am Leben und an den Menschen“ hatte, wie auch ein US-amerikanischer Verlegerkollege an Schulte-Hillen beobachtete. Und jede Menge Selbstbewusstsein. Auf seinen frühen Einstieg in den Gruner + Jahr-Vorstand angesprochen, im Alter von erst 33 Jahren, sagte er: „Daran konnte ich nie etwas Falsches erkennen.“

Und so setzte er seine Zeitgenossen mit unverdrossenem Tatendrang in Erstaunen, mal Dickschädel, mal Charming Boy. Gelegentlich stur kam er ihnen vor, dann wieder als netter großer Junge. Mal bodenständig bullig erscheinend und robust, manchmal, wie ihm sein Freund Erich Böhme nachsagte, „ein bisschen Dampfwalze, manchmal Seelchen“ und weiches Herz.

Es hat ihn bald niemand mehr unterschätzt, diesen „Drucker“, der fließend Spanisch, Französisch, Englisch sprach und der bei Vorstellungsgesprächen von Assistenten wie in Vorstandssitzungen gerne über Leben und Tod von Alexander dem Großen räsonierte. Ökonomisch war sein Schaffen ohnehin eine Wucht, blitzschnell waren seine Akquisitionen, feurig war sein Interesse, zu neuen Ufern aufzubrechen mit Gruner + Jahr, in neue Länder, zu neuen Mediengattungen.

Vielleicht waren es gerade die schwärzesten Tage auch in der Karriere des Gerd Schulte-Hillen, die ihn so sehr in den Journalismus verstrickten und ihn zu so viel mehr als einem Zahlenmenschen machen sollten: die Hitler-Tagebücher. Schulte-Hillen hatte sie geerbt, als ein Geheimprojekt seines Vorgängers und weniger Eingeweihter, aber auch er war nicht rechtzeitig misstrauisch geworden gegenüber allen in der Chefredaktion des STERN, denen „der Jagdinstinkt wie beim Auerhahn auf der Balz den Gehörgang verschloss“ (Erich Böhme). Und so erlebte er besonders leidvoll auch die Niederlage jenes Mannes, den er liebte und bewunderte: die Schmach des Henri Nannen. „Für mich war es, als ob man seinen eigenen Vater umbringen wollte“, sagte Schulte-Hillen später. Und: „Wie soll ich so was verdauen?“

Er verdaute es, indem er sich in die Psyche der Zeitschriftenmacher hineinversetzte, die er als „sensibel“ und „empfindlich“ bezeichnete; im besagten Fall allerdings nur im Nachhinein. „Qualität setzt sich durch“, darauf vertraute der passionierte Leser Schulte-Hillen. Und auch wenn er einmal das krasse Gegenteil erfahren hatte: auf die Journalisten als „die Quelle unseres Reichtums“.

Gerd Schulte-Hillen hat weitere Sätze gesagt, die für ein Medienhaus selbstverständlich klingen und es doch nicht mehr überall sind. „Unser Herz schlägt in den Redaktionen“, war sein Credo. Und über die Chefredakteure: „Der Vogel singt nur schön, wenn er in Freiheit ist.“

Und so hat dieser Verleger Freiheit gegeben. Was nicht hieß, dass er meinungslos war. Im Gegenteil. Natürlich, scherzte ein Vertrauter, ist dieser Mann nach eigenem Verständnis „immer der bessere Journalist, der bessere Arbeitgeberpräsident, der bessere Bundeskanzler“ gewesen. Und Schulte-Hillen selbst sagte: „Was für ein armseliger Verlag, in dem nur Journalisten eine Meinung hätten.“ Bald zwei Jahrzehnte Gruner + Jahr mit „Bela“ an der Spitze sind deshalb überaus lebendige Jahre gewesen. Dass der große Vorsitzende, wie es ein mit direkter Erfahrung gesättigter Chefredakteur der „Berliner Zeitung“ schrieb, „offensichtlich in Übereinstimmung mit sich“ war, machte die Sache entspannt auch für jene, die sich ihrer selbst vielleicht nicht immer ganz so sicher waren.

„Bela“ stand. Etwa zu GEO, dessen Bericht über den Verbraucherbetrug eines großen Lebensmittelkonzerns dem gesamten Verlag ein Anzeigenstorno in zweistelliger Millionenhöhe einbrachte. O-Ton eines Zeugen der Schulte-Hillen-Reaktion: „Der Vorsitzende amüsierte sich. Er blätterte die Geschichte noch einmal durch, fand Gefallen an Bildern und Text, brach in Lachen aus: ‚Wenn wir uns solche Geschichten nicht mehr leisten können, dann macht das Geschäft keinen Spaß mehr.’“

Spaß aber wollte er haben. Denn es gehe doch, wie er sagte, „nicht nur ums platte Geldverdienen“. Es gehe um „Begeisterung“ und „Liebe“. Er wollte Zeitschriften, die ehrlich und nicht zynisch waren. „Kinder der Leidenschaft, lebende Wesen, Persönlichkeiten.“ Lesen sei der Königsweg zum Wissen, war Schulte-Hillens Überzeugung, „readers are leaders“. Mit Emotion und Freude am Diskurs, mit Bodenhaftung und manchmal auch Übermut (der ihn zu einem misslungenen „Tango“ verführte) agierte ein Mann, der sich die Lässigkeit leisten konnte, „das bessere Argument“ herrschen zu lassen, „nicht die Hierarchie“. Denn im Zweifel hatte er halt beides. Und eben Spaß. Ob er sich an den Sammelhefter in der Druckerei stellte, im weißen Overall die gerade erworbene „Hamburger Morgenpost“ an die Frühschicht einer Werft verteilte, angstbesetzte rumänische Geschäftspartner mit spontanen Gesangseinlagen entspannte oder mal eben Redaktion für Redaktion zu sich nach Hause einlud.

Bei allen Veränderungen seither: Das Werk von „Bela“ lebt weiter bei Gruner + Jahr. Und Gruner + Jahr wird für immer mit der Erinnerung an Gerd Schulte-Hillen leben, der jetzt mit 80 Jahren gestorben ist.