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Fake or no Fake: STERN-Faktenchecker Moritz Dickentmann über den Umgang mit Social-Media-Inhalten

Hamburg, den 2. März – Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine kursieren unzählige Videos und Bilder in den Sozialen Netzwerken. Darunter sind viele Falschinformationen. Moritz Dickentmann aus dem Verifikationsteam erklärt im Gespräch mit dem Greenport, wie der Faktencheck bei Social-Media-Videos funktioniert.

In der Rubrik „Fake or No Fake” auf stern.de unterzieht Ihr regelmäßig Social-Media-Videos dem Faktencheck. So auch bei diesem Video vom Freitag, in dem es u.a. um angebliche Explosionen in der Ukraine gehen soll. Wie geht Ihr dabei vor, welche Tools nutzt Ihr für die Verifikation des Materials?

Welche Webseite oder welches Tool wir für eine Überprüfung nutzen, hängt immer auch vom Content ab. In der erwähnten „Fake or No Fake“-Folge basiert die Verifikation vor allem auf einer sogenannten Bilder-Rückwärtssuche (Reverse Image Search). Durch dieses Verfahren lässt sich unter anderem herausfinden, ob ein Bild oder Video bereits in einem älteren und/oder anderen Kontext im Netz auftaucht und somit gar nicht zeigen kann, was es vorgibt. Im Optimalfall stößt man so neben wichtigen Hintergrundinfos zudem auf das Originalmaterial, über das sich dann zum Beispiel eine nachträgliche Manipulation nachweisen ließe.

Faktenchecks im Videoformat sind übrigens nicht nur im deutschsprachigen Raum eine Ausnahme. Unser Video-Redakteur Florian Saul verantwortet die „Fake or No Fake“-Rubrik schon seit mehr als drei Jahren, seither sind rund 80 Folgen entstanden.

Was bedeutet eine Lage wie der Kriegsausbruch in der Ukraine für Eure Arbeit im Verifikationsteam?

Über mangelnde Arbeit können wir uns aktuell tatsächlich nicht beschweren. Schon von den Truppenbewegungen innerhalb Russlands gab es massig Material, seit der Invasion in die Ukraine haben sich Anzahl und Frequenz der Postings jedoch enorm erhöht. Um bei dieser Fülle an Videos und Bildern den Überblick zu behalten, haben wir direkt am Donnerstagmorgen einen Teams-Kanal aufgesetzt, wo für uns interessanter Content gesammelt und verifiziert wird und wir uns austauschen können. Das beinhaltet auch die Abmoderation von Material, wenn wir uns nicht ganz sicher oder zu viele Fragen offen sind.

Zudem stehen wir permanent in Kontakt zu den Kölner RTL-Kolleg:innen, die ihre Erkenntnisse an uns weitergeben und umgekehrt. Hier zeigt sich, wie groß das gegenseitige Vertrauen durch die enge Zusammenarbeit der letzten Jahre ist.

Wie muss man sich das vorstellen, wie viele Fakten/ Bilder/ Videos in etwa checkt Ihr in so einer Lage am Tag/ in der Stunde?

Eine pauschale Aussage ist hier schwierig. Es gibt Verifizierungen, die Stunden in Anspruch nehmen. Andere Anfragen sind in wenigen Minuten geklärt. Beim STERN wie auch bei RTL gilt das Credo „Sicherheit vor Schnelligkeit“ – gibt es zu viele Fragezeichen oder vermuten wir beispielsweise propagandistische Absichten hinter einem Posting, entscheiden wird uns gegen eine Veröffentlichung.

Im Schnitt dürften aktuell täglich um die 50 Verifizierungsanfragen über die Tische von uns und RTL gehen. Darunter sind leider auch Aufnahmen, die man nicht immer sofort verarbeiten kann. Umso wichtiger ist es, nach den vielen Stunden der Konzentration für einen Ausgleich zu sorgen, um die Bilder nicht auch noch mit ins Bett zu nehmen.