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Faktencheck am Beispiel von Afghanistan: So arbeiten Verifikation und Quality Board bei G+J

Hamburg, 30. August 2021 – Seit der Machtübernahme der Taliban erreichen uns auf allen Kanälen unzählige und oft erschreckende Informationen, Bilder und Videos aus Afghanistan. Ein Interview mit STERN-Redakteur Moritz Dickentmann aus der Verifikation und Michael Lehmann vom Quality Board über die aktuelle Lage, ihre Arbeit und die damit verbundenen Herausforderungen. Dieser Beitrag ist Teil der Initiative „JAhr zur Wahrheit. Weil’s stimmen muss.“ der Bertelsmann Content Alliance, zu der auch Gruner + Jahr gehört.

Könnt ihr ein aktuelles Beispiel nennen, das ihr verifizieren oder falsifizieren konntet?

Michael: Im Rahmen der Eroberung der westafghanischen Stadt Herat gab es Bilder von zwei angeblichen Dieben, die von den Taliban in der Stadt herumgeführt und zur Schau gestellt wurden. Ihre Gesichter waren geschwärzt, vermutlich geteert – eine scheinbar unübliche Art, mit Dieben umzugehen, bevor man sie dem Gericht zuführt, auch unter den strengreligiösen Taliban. Moritz und ich konnten dann aber den Zeitpunkt und den Ort des Bildes ermitteln, andere Bilder und lokale Medien hinzuziehen und so seine Glaubwürdigkeit weitgehend belegen.

Moritz: In den letzten Tagen kursierten zudem Videos, die Autoscooter fahrende Taliban in einem Freizeitpark in Herat zeigen. Wir konnten die Aufnahmen zweifelsfrei in Herat verorten, auch waren sie aktuell. Gebracht haben wir sie dennoch nicht, weil sie sich vor allem über Pro-Taliban-Accounts in offensichtlicher Propagandaabsicht verbreiteten, hier also eine Agenda verfolgt wurde. Ein anderes aktuelles Beispiel: die angebliche Hinrichtung einer Frau durch die Taliban. Wir konnten schnell klären, dass das Video bereits im Jahr 2015 in Syrien aufgenommen wurde.

Wie sorgt ihr jeweils dafür, dass auf unseren Websites und in unseren Magazinen keine Fakes oder Falschmeldungen erscheinen?

Michael: Wir versuchen immer mehrere Quellen heranzuziehen und schauen, ob Zeitbezüge, Aussagen oder Beschreibungen in den Kontext passen. Wenn etwa ein Mitglied des schiitischen Hazara-Volkes „Umar“ heißt, also einen explizit sunnitischen Namen trägt, dann müsste man an der Stelle noch mal genauer hinschauen.Wir versuchen auch, so weit wie möglich mit Primärquellen zu arbeiten: Pressebüros, Presseerklärungen, Dementis. Und mit internationalen Datenbanken: Weltbank, IWF, Statistik-Institute – alle, die einen veritablen Ruf zu verlieren haben. Auch Filme oder Bilder lassen sich so teilweise verifizieren. Man kann sie aber zusätzlich auch technisch analysieren, eine Königsdisziplin der Verifikation.

Moritz: Sämtlicher Fremdcontent durchläuft unsere Verifikation. Wir checken Aktualität und Manipulation, lokalisieren den Aufnahmeort und werfen einen genauen Blick auf die Quelle. Jemand, der schon vor der Krise regelmäßig aus Kabul getwittert hat, ist für uns beispielsweise glaubwürdiger als jemand, der augenscheinlich gar nicht in Afghanistan lebt. Wir suchen immer nach weiteren Quellen oder Beiträgen, die Infos zum Content liefern. Zum Beispiel eine Polizeimeldung, die Geschehnis und angeblichen Ort bestätigt. Auch andere Bilder oder Videos, vor allem wenn aus anderer Perspektive aufgenommen, helfen, eine Einschätzung treffen zu können. Bleiben nach der Recherche zu viele Zweifel oder lassen sich entscheidende Details nicht verifizieren, wird der Content nicht auf STERN.de veröffentlicht.

Gibt es Phänomene oder Tendenzen, die ihr derzeit verstärkt beobachtet? Man hört zum Beispiel immer wieder den Begriff Deepfake.

Moritz: Mittel- bis langfristig werden Deepfakes ganz sicher an Bedeutung gewinnen, aktuell spielen sie jedoch eine untergeordnete Rolle. Obwohl die technische Entwicklung rasant ist, sind gute Deepfakes sehr aufwändig zu produzieren und somit rar. Was hingegen auffällt, ist, dass Videos zunehmend aus dem Kontext gerissen werden. Das war und ist zuletzt verstärkt nach „Querdenker“-Demonstrationen zu beobachten. So gibt es Videos, auf denen Polizisten teils durchaus rabiat gegen Teilnehmer vorgehen. Was man in den gezielt gekürzten Aufnahmen nicht sieht: Die Szenen sind häufig Folge von massiven Provokationen und Widerstand gegenüber den Beamten. Indem diese Sequenzen fehlen, entsteht gewollt der Eindruck unverhältnismäßiger Polizeigewalt.

Was sind die größten Herausforderungen bei der Verifikation für Print?

Michael: Bei Print kann man nichts mehr korrigieren, sobald das Heft in den Druck geht. Bei einem Wochenmagazin wie dem STERN baumelt der Redaktionsschluss an einem fortgeschrittenen Montagabend bedrohlich über einem. Manchmal wie ein Fallbeil, gerade wenn noch große aktuelle Ereignisse unerwartet ins Heft drängen. Ein Ereignis wie die „Bataclan“-Anschläge in Paris 2015 oder jetzt auch der Fall von Kabul: Das Reportageteam vor Ort muss in großer Eile recherchieren, interviewen, muss bedrückende Szenen verarbeiten und auf dem Rückflug dann auch noch alles aufschreiben. Oft mit Schlafdefizit. Da können sich schon mal Ungenauigkeiten einschleichen.  Die gilt es dann, unter Zeitdruck zu finden, denn bis die Texte bei uns ankommen, ist der Tag schon fortgeschritten. Vor allem für die Lesenden im Quality Board, die ganz zum Schluss noch sprachliche Eingriffe vornehmen müssen, wird die Arbeit dann zum Parcoursritt. Ab 24 Uhr geht nichts mehr.

Wie nah gehen auch euch noch, die ihr qua eures Amtes täglich einer großen Informationsflut begegnet, Bilder wie die aus Afghanistan?    

Michael: Mir geht das schon nahe. Aber, klar, wenn eine Kollegin über einen verzweifelten 17-jährigen Fußballspieler schreibt, der am Flughafen Kabul von einer gerade gestarteten amerikanischen Militärmaschine fällt und stirbt, dann prüfe ich, wenn es drängt, natürlich zunächst die Fakten: Alter, Name, wo hat er gespielt, wie ist die Quellenlage. Erst später denke ich darüber nach, wie er sich gefühlt haben muss, als der Boden sich immer weiter entfernte und er sich nicht mehr halten konnte. Oder ich verdränge es.Als vor einigen Jahren IS-Propagandafilme mit Enthauptungen oder Auspeitschungen als Quelle verifiziert werden mussten, habe ich mich öfter dabei ertappt, wie zynisch ich damit umgegangen bin.

Moritz: Es waren schon Aufnahmen dabei, die mir länger im Kopf geblieben sind. Die Videos teils panisch weinender Kinder am Flughafen von Kabul gingen mir zum Beispiel nah, weil ich selbst Vater bin. Auch die Bilder der aus Hunderten Metern Höhe von einer US-Militärmaschine herabstürzenden Menschen haben mich länger beschäftigt. Es war schwer zu fassen, wie verzweifelt man sein muss, sich an ein startendes Flugzeug zu klammern, weil man im eigenen Land aus Angst vor den Taliban keine Zukunft mehr sieht

INFO:

Bei Gruner + Jahr gibt es zwei Teams, die dafür sorgen, alle Informationen zu prüfen, bevor sie veröffentlicht werden.

Das Verifikationsteam ist zuständig für die Überprüfung von so genanntem User Generated Content (UGC) – also von Inhalten, die Nutzer:innen im Netz veröffentlicht haben – auf Echtheit, Plausibilität und Aktualität. Die Mitarbeiter:innen recherchieren gemeinsam mit den Kolleg:innen der Content Alliance, wo und wann ein Bild, Video oder Text entstanden ist und schätzen die Glaubwürdigkeit der Quelle ein: angefangen beim Viralhit bis hin zu Augenzeugencontent bei Großlagen wie aktuell in Afghanistan oder während der Hochwasserkatastrophe.

Das Quality Board ist unter anderem zuständig für das Lektorat und die Verifikation der Printprodukte von STERN, ART und GEO. Dabei überprüfen die Mitarbeiter:innen alle Fakten in Texten: Sie beurteilen die Quellen, recherchieren im Zweifel nach und beraten auch bei Fachthemen. Zudem schauen sie, ob die Fakten im Text richtig eingeordnet und präsentiert werden, um eine hohe, inhaltliche Qualität zu gewährleisten. Durch die Vielfalt der Hefte bearbeiten sie alle Themenbereiche, von Physik über Reiseberichte bis Politik. Das Quality Board-Team setzt sich dazu aus Fachkräften ganz unterschiedlicher Richtungen zusammen.

Dieser Beitrag ist Teil der Initiative „JAhr zur Wahrheit. Weil’s stimmen muss.“ der Bertelsmann Content Alliance, zu der auch Gruner + Jahr gehört. Mit der publizistischen Kraft und Reichweite unserer Angebote zeigen wir in einem Jahr voller wegweisender Ereignisse auf, was Qualitätsjournalismus auszeichnet und wie wichtig er für unsere Gesellschaft ist.