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Wie verhält man sich als Social Media-Nutzer:in in einer Breaking News-Lage?

Hamburg, den 1. März 2022 – STERN Social Media-Chef Tibor Martini berichtet über den Umgang mit einer unübersichtlichen Berichterstattung in sozialen Netzwerken wie aktuell im Ukraine-Krieg.

Tibor, du hast Tipps für den Umgang mit Breaking News-Ereignissen auf Social Media erstellt. Was ist grundsätzlich das Problem oder die Gefahr bei sich rasch entwickelnden Großereignissen wie aktuell beim Krieg in der Ukraine?

Krisensituationen beschäftigen Menschen besonders stark und erzeugen einen unheimlichen Sog nach mehr Informationen. Jede Nachricht, jedes Video zieht einen in das Thema rein, über Querverlinkungen und Hashtags erreicht man schnell eine große Menge an Informationen. Diese Informationsmasse wird schnell unübersichtlich und die einzelnen Informationen lassen sich nur noch schlecht nachvollziehen.

Hinzu kommt: Besonders sensationelle Nachrichten erreichen oft sehr viele Menschen. In einer unübersichtlichen und sich schnell ändernden Situation wie bei einem Krieg oder in einer Krise sind diese „besonders sensationellen” Nachrichten aber nicht unbedingt wahr.

Und wie verhält man sich als Social-Media-Nutzer am besten, damit so etwas nicht passiert? Nenn uns doch bitte deine wichtigsten Tipps.

Der erste Punkt ist, sich nicht von den Informationen treiben zu lassen, sondern selbst ganz bewusst zu bestimmen, was und wie viel man lesen und sehen möchte. Es ist besser, bewusst eine Pause zu machen und in Ruhe zu lesen, als möglichst viel, möglichst neue Nachrichten konsumieren zu wollen.
Bei vielen Konflikten lohnt es sich, zu überlegen, welche Quellen vertrauenswürdig sind und welche nicht. Unabhängige Medien und Journalist:innen sind das oft. Bei Unfällen und Naturkatastrophen sind zudem offizielle Stellen und Behörden oft ein wichtiger Informationsgeber und Ansprechpartner bei Fragen. Bei bewaffneten Konflikten kann es für Quellen gute Gründe geben, anonym aufzutreten. Trotzdem sollte man dann genauer hinsehen, wie vertrauenswürdig die Quelle, der Account und die Information selbst sind.
Oft reicht schon ein einfacher Plausibilitätscheck aus, um fragwürdige Informationen zu widerlegen. Fragt euch: „Kann das, was ich gerade gelesen habe, wirklich sein? Gibt es nicht zumindest Fakten, die diese „sensationelle” Nachricht einschränken oder gar widerlegen?”

Wie schaltest du persönlich am besten ab?

Das ist eine sehr bewusste Entscheidung und erfordert als „Nachrichtenjunkie“ eine gewisse Selbstdisziplin. Ich habe es in der Corona-Pandemie bemerkt, dass nach 8 Stunden Arbeit und einer kurzen Pause zum Feierabend mich ein langer Informations-Marathon mit Talkshows und Sondersendungen zu dystopischen Themen nicht unbedingt besser schlafen lässt. Deswegen bleibt der Fernseher und das Doomscrolling am Abend auch Mal ganz bewusst aus. Die Grenzen und die eigene Belastbarkeit muss jeder für sich selbst festlegen.

Tipps für den Umgang mit Breaking News auf Social Media

1. Erste News sind oft unübersichtlich, Informationen fehlen oder können sich ändern. Warte lieber ab, bis es verlässliche Informationen gibt. Hinterfrage unbekannte Quellen und vertraue nicht allen Informationen.

2. Mach einen Plausibilitätscheck: Kann das wirklich sein? Habe ich ein gutes Bauchgefühl bei dieser Nachricht oder bin ich misstrauisch?

3. Lass dich nicht durch Posts, Querverlinkungen und #TrendingHashtags leiten, sondern besuche gezielt Accounts und Websites, denen du vertraust – und denen du bei dem entsprechendem Thema Kompetenz zutraust.

4. Bei örtlich eingegrenzten Krisensituationen sind lokale Medien oft besser informiert als nationale oder internationale. Sie kennen die Örtlichkeiten und haben Mitarbeiter vor Ort.

5. Bei Breaking-News-Momenten gibt es immer Fake News, Fake Photos und Fake Videos. Behalte das im Kopf und sei kritisch gegenüber den Informationen, die dir begegnen. Wenn du selbst Inhalte teilst, sei vorsichtig und teile keine Inhalte, bei denen du keinen genauen Überblick hast. 

6. Schwammige Formulierungen wie „Uns hat erreicht“, „in den Sozialen Netzwerken häufen sich Berichte, dass…“ können bedeuten, dass diese Informationen nicht gesichert sind. Das muss aber nicht immer der Fall sein: Manchmal geben Journalisten auch keine genaueren Informationen, weil sie ihre Quelle schützen wollen. In der digitalen Welt sind Informationen sofort verfügbar, jedes kleine Detail wird veröffentlicht. Achte darauf, dass „Big Picture“ im Blick zu behalten.

7. Schütze dich vor sensiblen Inhalten. Suche bei Amokläufen, Angriffen und schweren Unfällen nicht gezielt nach Videos und Fotos. Sie beschäftigen einen länger als man es möchte.

Für diesen Artikel haben wir die Tipps von On The Media ergänzt und gemeinsam mit Tibor weiterentwickelt. 

*Anm. D. Redaktion: „Doomscrolling“ ist eine Wortbildung aus den englischen Begriffen „doom“ (Verderben) und dem eingedeutschten „scrollen“ (verschieben).