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Ein Jahr „heute wichtig“ – Das Jubiläumsinterview

Am 26. April 2021 startete mit dem STERN-Podcast „heute wichtig“ ein ganz besonderes Projekt: Ein wochentägliches Format, das in Zusammenarbeit zwischen der Audio Alliance, STERN, RTL und ntv entsteht, und das seit dem ersten Tag komplett remote über verschiedene Standorte hinweg.

Im Gespräch zum Jubiläum schildern Isa von Heyl, Leiterin Exzellenz-Projekte STERN, und Mirijam Trunk, Chief Crossmedia Officer von RTL Deutschland, die das Projekt als Chefin der Audio Alliance auf den Weg gebracht hat, wie sich „heute wichtig“ seit seinem Start entwickelt hat, welche Erfahrungen aus der Zusammenarbeit von verschiedenen Standorten gewonnen wurden, wie der Ukraine-Krieg den Podcast aktuell inhaltlich beeinflusst – und ob es mit „heute wichtig“ weitergeht.

Der 26. April 2021 war für alle am Projekt „heute wichtig“ Beteiligten ein besonderer Tag: An was erinnern Sie sich heute, wenn Sie an diesen Tag zurückdenken?

Mirijam Trunk:
Vor allem an unglaublichen Stolz. Seit Jahren hatten wir darüber gesprochen, einen Daily Podcast ins Leben zu rufen - und dann ging es endlich los. Das Team aus STERN, RTL, Audio Alliance Kolleg:innen und natürlich Michel Abdollahi hatte in den Wochen zuvor großartige Arbeit geleistet, in Workshops eine Vision, ein Leitbild, Arbeitsabläufe und Zielgruppen definiert. Ein neues Format aus dem Boden zu stampfen ist schon innerhalb eines Unternehmens ein Kraftakt. Das über Unternehmensgrenzen, komplett remote und in einem Medium, das für die meisten im Team neu war zu schaffen, war sehr spannend, aber alles andere als ein Selbstläufer. 

Isa von Heyl: Ich erinnere mich an die erste Woche. Wir waren wahnsinnig aufgeregt und wollten direkt starke Themen setzen. Also hatten wir die Intensivpflegerin Nina Krämer zur ernsten Situation in den Krankenhäusern eingeladen, die Indien-Reporterin Natalie Mayroth und Radoslav Ganev, der sich für die Rechte der Sinti:zze und Rom:nja einsetzt. Es waren intensive, eigene Themen. Und genau diese Menschen hören wir jetzt ein Jahr später in unserer Geburtstagswoche wieder. Es ist auch ein Geschenk an uns selbst. Wir wollen nachhalten und wissen, was aus unseren ersten Gästen und ihren Anliegen geworden ist.


„heute wichtig“ wird nicht nur von verschiedenen Standorten aus produziert, sondern auch von Kolleg:innen, die sich vor dem Projektstart größtenteils noch nicht kannten: Wie wächst so ein Team zusammen und wie würden Sie die Arbeit im Team heute beschreiben?

Mirijam Trunk: Das liegt vor allem an den handelnden Personen. Zum einen hatten wir die Stellen im Projekt ausgeschrieben, das heißt, alle Kolleg:innen haben sich bewusst entschieden, an etwas Neuem, Übergreifendem mitzuarbeiten. Vor einem Jahr war das übergreifende Arbeiten noch weniger Routine als heute, die Zusammenführung von Gruner + Jahr und RTL Deutschland war noch in den Anfängen.  Wichtig und richtig war, dass wir uns vor Sendestart drei Wochen Zeit genommen und versucht haben, einen "Safe Space" für die Kolleg:innen zu bilden, in dem sie sich als Team finden und das Produkt gestalten konnten. Jan Köster hat als Agile Coach eine strukturierte aber offene Atmosphäre geschaffen, wir als Chef:innen haben uns möglichst zurückgehalten, um das Team wirklich als eigene Einheit entstehen lassen zu können. Und es gab und gibt keine Bewertung im Team, jeder hat Stärken und Zugänge, von denen die anderen profitieren können. Aber sicher ist auch: Die persönlichen Treffen, die wir halbjährlich machen, sind enorm wichtig. Man kann sich als Team fachlich auch virtuell einspielen, die echte persönliche Nähe und Verbindung kommt aber über gemeinsame Erlebnisse.

Der deutsche Podcast-Markt ist groß, auch im Bereich der täglichen Podcasts mit News-Fokus. Was macht gerade „heute wichtig“ so besonders? Welchen USP hat das Format?

Isa von Heyl: „heute wichtig“ punktet mit dem Moderator Michel Abdollahi, der mutig ist, der Gesicht und Haltung zeigt. Das Format punktet aber auch mit unserem riesigen Expertenpool. Es gibt nahezu kein Thema, wozu wir nicht sofort Journalist:innen und Expert:innenen aus unserem Kosmos anrufen und uns von ihnen die Sachlage erklären und einordnen lassen können. Sei es direkt aus der Ukraine, zur Inflation, zu Long-Covid, oder Salmonellen in Ferrero-Schokolade. Danke an die Hilfe und große Bereitschaft aller Kolleg:innen dafür!


In der Ankündigung hieß es damals, dass „heute wichtig“ meinungsstark ist, Debatten anstößt. Versprechen gehalten? Welche Learnings gab es inhaltlich?

Isa von Heyl: Wir wollten von Anfang an nicht einfach die bloße Nachrichtenlage abbilden, das übernehmen die Nachrichtensendungen ja bestens. Wir wollen die News direkt einordnen, Meinungen anbieten, zum Nachdenken anregen, aktivieren. Michel Abdollahi verabschiedet sich in jeder Folge mit dem Satz, der auch als Aufforderung verstanden werden soll: „Einen schönen Tag - machen Sie was draus!“ Und tatsächlich regen wir unseren Hörer:innen an. Wir bekommen viele, viele Reaktionen. Viel Zuspruch aber auch Anregungen und Themenvorschläge, die wir aufgreifen. Zum Beispiel haben wir zur 200. Episode auf Hörerinnen-Wunsch ein Interview mit einem Zoonosen-Experten geführt, um dem Ursprung des Corona-Virus auf den Grund zu gehen. Die meiste Kritik kommt übrigens, weil wir konsequent gendern. Und das behalten wir schön bei.


Welches waren die wichtigsten Themen des ersten Jahres?

Isa von Heyl: Die Corona-Pandemie, die Flutkatastrophe, der Krieg in der Ukraine sowie die Dauerthemen Rassismus und Klimawandel – das Jahr war und ist eine Herausforderung. Diese anstrengende Nachrichtenlage ist für uns Journalist:innen aber auch eine Chance, uns in Debatten einzumischen, die es vorher nie gab. Darf Deutschland Waffen in die Ukraine liefern? Muss eine Impfpflicht eingeführt werden? Michel Abdollahi hat mit Impfgegner:innen gesprochen, die sich öffentlich geoutet haben, wir haben uns die Sexualmoral der Kirche angeschaut und über den Umgang mit pädophilen Tätern diskutiert. Unser Anspruch ist auch, immer wieder an vergessene Debatten zu erinnern: Vor einigen Wochen haben wir mit einer Helferin über die Situation im griechischen Flüchtlingslager Moria gesprochen. „heute wichtig“ ist also auf der einen Seite der Podcast mit den wichtigsten News – auf der anderen mit den News, die wir für wichtig halten.
 

Welche ist Ihre Lieblingsfolge?

Isa von Heyl: An Heiligabend hat Michel uns und die Hörer:innen mit zu seiner iranischen Familie genommen. Und damit die beste Antwort auf die Frage gegeben: Darf man Muslim:innen frohe Weihnachten wünschen oder ist das unpassend? Wir waren mitten in der krachenden Feier der Abdollahis. Michel erzählte, dass sein Vater, wie jedes Jahr, das Haus der Familie schriller als das Rockefeller Center geschmückt hatte. Die Tante kochte den Rotkohl, Michel traditionell die Gans. Also: Natürlich darf man Muslim:innen, wie jedem anderen auch, frohe Weihnachten wünschen. Im besten Fall führt doch genau das zu dem anregenden Austausch, ob und wie man feiert.

Mirijam Trunk: Das ist schwer! Ich freue mich immer, wenn die Redaktion aktiv wird und z.B. auch selbst als Expert:innen oder Interviewende auftreten. Dimitri Blinski zum Beispiel, der russisch spricht, hat in der Ukraine Berichterstattung bei „heute wichtig“ eine komplett neue Rolle eingenommen, sich getraut und war deutlich mehr on air als vorher. Aber ich freue mich auch immer, wenn wir diverse Interviewpartner:innen haben, Meinungen, bei denen ich am liebsten sofort Michel anrufen und widersprechen würde. Ein Podcast soll einen Mehrwert zu anderen Medien bilden und auch zum Nachdenken anregen. 


Aktuell ist der Ukraine-Krieg natürlich auch bei „heute wichtig“ ein Hauptthema. Hat sich die Arbeit am Podcast durch die aktuellen Ereignisse verändert?

Mirijam Trunk:
Da geht es dem Team von „heute wichtig“ nicht anders als den Journalist:innen im ganzen Unternehmen. Der Ukraine-Krieg hat eine hohe persönliche Betroffenheit, Krieg in Europa. Wie schon bei der Pandemie kommt ein persönliches Hinterfragen hinzu, wir alle sind ja nicht nur Medienmacher:innen, sondern auch Privatpersonen - und plötzlich passieren Dinge, von denen wir dachten,  sie in unserer Lebenszeit nicht zu erleben. Auf der anderen Seite sind diese Ereignisse aus journalistischer Sicht natürlich hochspannend, es entwickelt sich das Gefühl darüber berichten zu wollen, was später in Geschichtsbüchern stehen wird – der Funktion als Dokumentar:in der Zeitgeschichte nachzukommen, ist ja auch Teil des Journalismus. Was wir in all unseren Mediengattungen erlebt haben ist, dass das Engagement der Redakteur:innen noch höher wurde, der persönliche Einsatz noch selbstverständlicher.

Isa von Heyl: Das journalistische Handwerk bleibt das gleiche, aber derzeit wichtiger denn je ist die Verifizierung von Nachrichten und das Hinterfragen von Motiven. Vieles, was im Ukraine-Krieg passiert, ist auch für mich als Journalistin völlig neu. Ich habe zum Beispiel noch nie über Kriegsverbrechen berichten müssen, die nur ein paar Flugstunden entfernt passieren und die wir doch nicht verhindern können. Und doch: So viel Raum dieser Krieg einnehmen muss, so wichtig ist uns auch die Berichterstattung von den anderen Krisenherden dieser Welt. Die Balance muss stimmen. Wir müssen den Blick auch dahin richten, wo gerade keiner hinschaut.

Wie profitieren Sie vom journalistischen Netzwerk innerhalb des Hauses? Welche Möglichkeiten ergeben sich daraus?

Mirijam Trunk: Das Korrespondent:innen-Netzwerk ist natürlich ein sehr großes Asset für uns. Wir haben Kolleg:innen in allen Teilen der Welt, die nicht nur über Fakten, sondern auch über persönliche Eindrücke berichten können. Ich denke an die Nahost-Korrespondentin Raschel Blufarb, die beschrieb, wie ihre Tochter nicht mehr im Schlafanzug schlafen will, weil sie, falls es nachts schnell in den Bunker gehen muss, ordentlich angezogen sein will. Auch die Expert:innen von STERN und RTL NEWS, die uns innenpolitische Aspekte einordnen können, sind unglaublich wichtig. Der STERN-Podcast „Ukraine – Die Lage“ ist beispielsweise entstanden, weil der Berliner Bürochef Horst von Buttlar Carlo Masala empfohlen hat. Sein Stellvertreter Stefan Schmitz hat sich direkt als Host bereiterklärt und innerhalb von drei Tagen hatten wir einen Podcast, der inzwischen neben dem Format von NDR Info der wichtigste Ukraine Info-Podcast ist. Die Schnelligkeit, die uns das Netzwerk gibt, gemischt mit der Lust der Kolleg:innen, Neues auszuprobieren, ist unser größter Wettbewerbsvorteil.

Das Projekt war zunächst auf ein Jahr angelegt. Wir sind neugierig: Geht es weiter mit „heute wichtig“?

Mirijam Trunk:
Die Abrufzahlen des Podcasts haben sich sehr positiv entwickelt. Das hat zum einen mit der stetigen inhaltlichen Weiterentwicklung zu tun und natürlich der Unterstützung anderer Kanäle - sei es stern.de oder ntv.de, oder auch die TV-Flächen für den Werbespot. Außerdem haben uns Plattformen wie Spotify oder Amazon Music enorm gepusht. Im zweiten Jahr steht - und das muss ich als wirtschaftlich Verantwortliche sagen - die Frage im Vordergrund, ob wir diese Reichweite auch gewinnbringend monetarisieren können. Der Vermarkter Acast ist in Absprache mit unserer Ad Alliance mit der Akquise von Werbekund:innen für das Format beauftragt. In dieser Hinsicht ist Podcast wie all unsere anderen Medien: Gute Inhalte finden ihr Publikum. Bei den Zuhörer:innen haben wir das geschafft, nun muss der Werbemarkt folgen.

Ihr Wunsch für Jahr zwei?

Mirijam Trunk: Dass sich heute wichtig weiterhin etwas traut! Wir haben hier eine journalistische Spielwiese, flache Hierarchien, ein junges Team und einen Moderator, der - im besten Sinne - jede verrückte Idee mitgeht. Die aktuellen Zeiten sind in jeder Hinsicht schwierig, journalistisch gesehen aber wohl die spannendsten, die man begleiten kann. Mein Wunsch ist, dass wir die Freiheit, die uns das Format Podcast und das Projekt-Set-Up von „heute“ wichtig bieten noch mehr ausnutzen, Debatten anstoßen und unserem Publikum neue Blickwinkel bieten. Und dass wir die Werte, die wir als Team gefunden haben und Teilen, weiterhin treiben. Denn wir haben, obwohl wir Teil eines großen Konzerns sind und davon ja auch profitieren, den Luxus eines gewissen Start-Up Gefühls.

Isa von Heyl: Wir wollen noch mehr Debatte, noch mehr Meinung, noch mehr Haltung. Zum Beispiel mit dem regelmäßigen Format „Streitgespräch“, in dem zwei Kolleg:innen pro und contra eines Themas erörtern. Wir wollen noch mehr Austausch mit unseren Hörer:innen. Und wir wollen noch mehr Reichweite, ganz klar.

Der Podcast „heute wichtig“ erscheint werktäglich bei AUDIO NOW sowie auf allen gängigen Podcast-Plattformen.