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Finalrunde für die Nannenschule: Bewerberschwemme, Schummelsoftware und Marteria

Hamburg 24.06.2021 - Drei Tage dauerte die Endauswahl für den neuen Lehrgang der Henri-Nannen-Schule – unter Corona-Bedingungen, bei deutlich gestiegener Bewerberzahl und mit einer Premiere beim Wissenstest.

Niemand will mehr Journalist:in werden? Von wegen: In diesem Jahr haben sich 40 Prozent mehr junge Menschen für die Nannenschule beworben als beim letzten Auswahlverfahren vor zwei Jahren. Die besten 66 Kandidat:innen wurden zur Endrunde geladen. Sie fand erstmals hybrid statt, also in einer Kombination aus Online-Prüfungen und Anwesenheit in Hamburg.

Den ersten Teil haben die Kandidat:innen vergangenen Freitag remote absolviert, jeweils bei sich zuhause. Zunächst den berüchtigten Wissens- und Bildertest: 45 Minuten für 72 Fragen und Bilder. Wie hoch ist der Mindestlohn in Deutschland; welche Insel wollte Donald Trump kaufen und warum; von wem stammt die Liedzeile „Alle hab'n 'nen Job, ich hab' Langeweile“; was ist der Unterschied zwischen dem englischen delicate und dem deutschen delikat?* Schwer war’s, wie immer, aber für jede:n gab’s genug unterschiedliche Themengebiete, um ordentlich Punkte zu sammeln.

Damit alle Teilnehmer:innen dieselben Chancen hatten, wurde der Test aus der Ferne von einer Prüfungssoftware überwacht, die Schummelversuche erkannt hätte – auch das eine Premiere in der Geschichte der Schule. Die Teilnehmer:innen hatten keine Einwände gegen den Online-Blick über ihre Schultern: gleiche Bedingungen für alle.

Anschließend verfassten die Bewerber:innen einen kleinen Text zu Innovationen und Produktentwicklung im Journalismus, ein Bereich, der an der Schule immer wichtiger wird. Den Großteil des Tages verbrachten die Nachwuchsjournalist:innen allerdings mit ihren Reportagen. Sieben Stunden, um an einem belebten Ort ihrer Nachbarschaft bemerkenswerte Menschen und eindringliche Szenen zu recherchieren und packend aufzuschreiben – was oft erstaunlich gut gelang: "Einige Texte waren herausragend und zeigen, was möglich ist in kurzer Zeit und mit gutem Reportergespür“, sagt Schulleiter Christoph Kucklick.

Am Montag und Dienstag dieser Woche folgten dann die Bewerbungsgespräche – in Präsenz im Pressehaus. „Wir wollten die Kandidat:innen unbedingt persönlich kennenlernen – der unmittelbare Eindruck und das Gespräch von Angesicht zu Angesicht sind einfach zu wichtig“, so Kucklick.Und doch liefen die Gespräche anders als sonst. Denn wie hätte, wie in der Vergangenheit, eine Runde mit 15 Teilnehmer:innen (zwölf Juror:innen, je drei Bewerber:innen) bei Wahrung der Corona-Abstände ausgesehen? Nur eine Turnhalle wäre groß genug gewesen – und hätte jedes sinnvolle Gespräch vereitelt.

Also wurde die Jury gedrittelt. Jede Teiljury hat sich auf eines von drei Gesprächsthemen konzentriert: Lebenslauf, Innovation oder Journalismus. Alle Bewerber:innen durchliefen alle drei Jurys, dabei entstanden oft viel intensivere Gespräche als in großer Runde. Auch ohne Corona ist die geteilte Jury womöglich ein Modell für zukünftige Finalrunden.

Fazit von Christoph Kucklick nach den drei Auswahltagen: „Wir haben das große Glück, nach wie vor aus einem großen Pool an Kandidat:innen 18 exzellente Nachwuchsjournalist:innen auswählen zu können. Sie werden den Trägerverlagen der Schule viel Vergnügen bereiten. Zumindest sehen wir am jetzigen Lehrgang, wie hoch die Nachfrage nach den Absolvent:innen der Schule ist.“

Die Juroren 2021: Andreas Wolfers, freier Journalist, Doris Brückner, Chefredakteurin G+J Women, People & Family Digital, Florian Gless, Chefredakteur STERN, Tobias Rüther, Literaturchef "FAS", Katharina Kütemeyer, Politikchefin "FR", Alina Fichter, Head of Digital Format Development "Deutsche Welle", Luise Strothmann, Entwicklungsredakteurin Reportage und Recherche "taz", Birger Menke, Managing Editor "Der Spiegel", Axel Bojanowski, Chefreporter Wissenschaft "Die Welt", Khuê Phạm, Reporterin "Die Zeit", Julia Kopatzki, freie Journalistin, Yassin Musharbash, Investigativ-Ressort, "Die Zeit", Horst von Buttlar, Chefredakteur CAPITAL/STERN, Christina Tretbar, Chefredakteurin "Tagesspiegel", Moritz Müller-Wirth, stellv. Chefredakteur "Die Zeit", Nora Gantenbrink, Reporterin "Der Spiegel", Cornelia Fuchs, Leiterin STERN+, STERN

* 9,50 €; Grönland, wg. Öl, Gas und Seltenen Erden; Marteria; delicate = heikel, delikat = delicious