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"Ich wollte alles sehen – und auch alles unseren Lesern zeigen."

STERN Organspende

STERN-Reporter Dominik Stawski begleitete ein Jahr lang vier Patienten, die in einer Klinik auf ein Spenderherz warteten. Er war dabei, als Ärzte den Hirntod einer Frau diagnostizierten und Chirurgen einer anderen Frau die Organe entnahmen. Er traf den Vater eines Organspenders und sprach mit vielen Experten, um sich der Frage anzunähern: Werde ich Organspender oder nicht? In einer tief berührenden vierteiligen Reihe zeigte der STERN alle Facetten der Organtransplantation. Jetzt erscheint die Geschichte auch aufwendig und multimedial produziert auf stern.de. Im Interview sprechen Dominik Stawski und STERN Digital-Redakteur Patrick Rösing über die Entstehung der Geschichte und unterschiedliche Erzählformen in Print und Digital.

 

STERN Organspende
Dominik Stawski schreibt seine Notizen auf dem Flur vor den OP-Sälen der Medizinischen Hochschule Hannover auf, während einer der Herzempfänger sich von seiner Ehefrau verabschiedet

Wie entstand die Idee zu der Geschichte?
Dominik Stawski: Der Anlass der Recherche war, dass es Anfang 2018 weniger Organspender in Deutschland gab als je zuvor. In dem Moment habe ich mich selbst gefragt, wie ich mich entscheiden würde. Und ich konnte es nicht, weil ich einfach zu wenig wusste. Ich hatte ziemlich viel über die Organvergabeskandale in den Jahren zuvor gelesen. Aber all die anderen Fragen: Wie verläuft eigentlich eine Organspende? Wird man da wirklich ausgeweidet, wie viele sagen? Und wie tot bin ich eigentlich, wenn der Hirntod diagnostiziert wird? Es gab unzählige theoretische Artikel, aber ich fand keine Reportagen über diese Momente, keine Fotos, all das, was mir helfen würde, mir ein Urteil bilden zu können. Damit hatte ich ein Ziel: Ich wollte alles sehen, und auch alles unseren Lesern zeigen.

Teil 1 der Serie aus STERN 13/2019
Teil 1 der Serie aus STERN 13/2019

Du begleitest die Menschen in sehr intimen Momenten, und Vertrauen zu gewinnen, braucht Zeit. Wie lange hat die Recherche gedauert?
Dominik Stawski: Mehr als ein Jahr. Es hat viele Monate gedauert, bis ich das Vertrauen zu den Ärzten, den Betroffenen und ihren Familien aufgebaut hatte. Fast 40 Mal war ich auf Recherche für die Geschichte, meist unterwegs bei den Patienten, Ärzten oder Familien. Ich wundere mich heute noch, dass es überhaupt geklappt hat. Wenn ich mir vorstelle, ein Angehöriger von mir spendet seine Organe und der stern fragt an, ob zwei Reporter im OP dabei sein dürfen: Ganz ehrlich, ich weiß nicht, ob ich da ja sagen würde. Aber ich konnte all die Beteiligten vom Sinn dieser Recherche überzeugen. Und dabei habe ich immer betont, dass wir als stern keine Kampagne pro Organspende machen wollen. Und keine dagegen. Es ging immer nur darum, alles zu zeigen, damit sich die Leser dafür oder eben dagegen entscheiden können. Ich finde, da gibt es kein richtig oder falsch. Sich überhaupt zu entscheiden, das ist schon viel wert.

Teil 2 der Serie aus STERN 14/2019
Teil 2 der Serie aus STERN 14/2019

Wenn die Recherche so aufwändig war, hat sie dein Leben bestimmt und inwiefern?
Dominik Stawski: Zumindest für einige Monate, ja. Aber nicht nur meines, sondern auch das des Fotografen Patrick Junker und das unserer Familien. Ich musste jede Nacht damit rechnen, dass ein Anruf kommt und ich dann in wenigen Minuten los muss. Man weiß ja nie, wann es ein Spenderherz gibt – und wenn es so weit ist, dann muss alles ganz schnell gehen. Am Ende waren es vier Nächte, verteilt über mehrere Monate. Als ich morgens von der Organentnahme nach Hause kam, konnte ich, obwohl ich total durch war, kaum schlafen, weil das, was passiert war, mich so beschäftigt hat. Besonders war es auch, weil ich den Menschen sehr nah gekommen bin. Einer von ihnen ist im Laufe der Recherchen verstorben. Ich hatte ihn und seine Familie noch auf der Intensivstation besucht. Ich habe mich beim Schreiben später schwer getan, das reinzuschreiben, weil es ein extrem intimer Moment war. Aber er war entscheidend und er gehörte eben auch dazu.

Teil 3 der Serie aus STERN 15/2019
Teil 3 der Serie aus STERN 15/2019

War es von vornherein als Multimedia-Projekt angelegt?
Dominik Stawski: Ganz am Anfang noch nicht, weil nicht klar war, ob wir wirklich immer in den OP-Sälen dabei sein dürfen. Aber als ich das Gefühl bekam, dass es hinhauen könnte, haben wir einen Fotografen gesucht, der erstens immer nachts verfügbar ist und für viele Monate auf Urlaube verzichtet. Und der zweitens auch Videos filmen kann. Ohne Patrick Junker hätten weder die Geschichten im Heft noch das Web-Dossier eine solche Wucht. Bei der Gelegenheit muss ich mich auch bei meinen Chefs bedanken, meinen Ressortleitern und Chefredakteuren, denn es ist nicht selbstverständlich, so lange recherchieren zu können.

 

Im April erschien Dominiks Stawski Reportage als Dreiteiler im Heft, in der aktuellen Ausgabe des stern steckt ein weiteres Stück zum Thema, und seit heute ist das Projekt auch auf stern.de/organspende nachzulesen, wo es eigens für das digitale Storytelling produziert wurde.

 

Teil 4 der Serie aus STERN 31/2019
Teil 4 der Serie aus STERN 31/2019

Habt Ihr die Inhalte eins zu eins übernommen?
Patrick Rösing: Die Heftbeiträge in einem Artikel einfach hintereinander aufzureihen, hätte schon dramaturgisch nicht funktioniert. Das Multimedia-Dossier bekam ein eigenes Storyboard. Für jedes Kapitel wurde eine eigene Reportage verfasst. Die Stücke gehen ineinander über, können aber auch für sich stehen. Text, Bild und Video wurden für jeden Teil bestmöglich aufeinander abgestimmt.

Dominik Stawski: Der Großteil der Recherchen deckt sich. Aber multimedial haben wir es ganz anders erzählt. Im Rückblick finde ich interessant, welche Stärken die verschiedenen Kanäle haben. Im Heft konnten wir eine Geschichte über 20 Seiten layouten und das Umblättern dafür nutzen, Spannung beim Leser zu erzeugen. Digital können wir ein Video einbetten, auf dem man ein Herz außerhalb eines Körpers schlagen sieht. Die meisten, die das zum ersten Mal sehen, können kaum fassen, dass das ein schlagendes Herz ist. Außerdem präsentieren wir digital eigenproduzierte Videos und haben die Möglichkeit, viel mehr Fotos auszuspielen.

Digital-Redakteur Patrick Rösing
Digital-Redakteur Patrick Rösing

Warum bot sich genau diese Geschichte für eine multimediale Umsetzung an?
Patrick Rösing: Als Dominik mir das Projekt zum ersten Mal vorstellte, wurde direkt deutlich, dass dies eine ganz besondere Geschichte ist – extrem nah an allen Akteuren dran und unglaublich bildstark. Das wollten wir nicht in ein Standard-Korsett pressen. Der Fotograf und Dominik hatten so viel einzigartiges Material zusammengetragen, das verdiente ein besonderes Storytelling. Außerdem war es uns ein Anliegen, das komplexe Thema Organspende von allen Seiten auszuleuchten, gleichzeitig aber den Lesern eine optimale Erzählform anzubieten.

Was unterscheidet die Seite optisch und auch technisch von anderen Inhalten auf STERN.de?
Patrick Rösing: Wir hatten zwei Hauptanforderungen an das Layout: Es musste mit Blick auf die langen Texte lesefreundlich sein und sollte die eindrucksvollen Fotos und Videos gebührend herausstellen. Auf unnötige Effekthascherei wollten wir bewusst verzichten. Außerdem brauchten wir eine Möglichkeit, interaktiv auch innerhalb der Geschichte zu navigieren. Der Leser sollte stets das Gefühl haben, selbst ganz nah dran zu sein.

Eine letzte persönliche Frage: Tragt ihr heute einen Organspendeausweis bei euch?
Patrick Rösing: Ja, ich trage seit einigen Wochen einen Ausweis bei mir. Ich entschloss mich während der Arbeit an dem Projekt dazu. Vor allem die Aussagen des Spendervaters haben mich überzeugt. Meine Familie soll sich im Fall des Falles nicht mit einer Entscheidung quälen müssen. Ich möchte, dass sie wissen, was in meinem Sinne ist.

Dominik Stawski: Ja, ich trage einen. Und ich habe 'ja' angekreuzt. Aber wie gesagt: Ich verstehe auch jeden, der sich dagegen entscheidet. Wichtig ist aber, auch dann einen Ausweis auszufüllen, und eben anzukreuzen, dass man nicht spenden will. Dann wissen die Angehörigen im Fall der Fälle Bescheid. Der schönste Effekt dieser Geschichte wäre, dass sich nach dem Lesen viele entscheiden – ganz egal wie.