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"Jeder soll im Leben tun, was er am besten kann"

2. November 2018 - GEO-Autorin Vivian Pasquet berichtet in ihrer Reportage "Frau Held, Mutter" über die bedingungslose Liebe und den strikten Pragmatismus im Leben einer Pflegemutter behinderter Kinder. Für ihre berührende Geschichte wird sie nun bereits zum fünften Mal ausgezeichnet.

Vivian Pasquet GEO
GEO-Autorin Vivian Pasquet erhielt für ihre Reportage "Frau Held, Mutter" in diesem Jahr fünf Preise, darunter der Dietmar-Heeg-Medienpreis, der Deutsche Sozialpreis und der Medienpreis der Kindernothilfe

Vivian Pasquet schildert in ihrer herausragenden Reportage das Leben von Kerstin Held, die in der Betreuung von Pflegekindern mit Behinderung ihre Berufung gefunden hat. Seit 17 Jahren nimmt sie Pflegekinder auf. Neun insgesamt, sechs von ihnen haben die Familie inzwischen verlassen, weil sie erwachsen wurden, die Kraft nicht ausreichte oder sie an ihren Erkrankungen verstorben sind. Pasquet erzählt die bewegende Geschichte einer Frau, die sich stolz "Mama" nennt und ihr Glück in einem Leben findet, das nur wenige wählen würden.

Was hat Kerstin Held dazu bewegt dieses Leben zu führen? Autorin Vivian Pasquet begleitet sie von den Gründen ihrer Entscheidung, ihrem persönlichen Familienschicksal bis hin zu tiefen Zweifeln und den dunklen Momenten, die ihr Leben als Pflegemutter zeichnen. In einem sehr persönlichen Portrait erinnert sich die Protagonistin Kerstin Held an Lotta, Sascha und Daniel und die anderen Kinder, die ihr Leben geprägt haben und daran, was von ihnen auch heute noch bleibt.

GEO 01/2018 "Frau Held, Mutter"
Kerstin Held ist die Pflegemutter aus der prämierten GEO-Geschichte

Was hat Sie dazu bewegt sich mit dem Thema Pflegeeltern für GEO auseinander zu setzen?
Ich habe viele gute Texte gelesen, in denen Menschen vor der Entscheidung stehen, ein behindertes Kind zu bekommen oder es abzutreiben. Irgendwann habe ich mich gefragt: Was passiert eigentlich mit den behinderten Kindern, die zwar auf die Welt kommen dürfen, deren Eltern sich aber nicht selbst kümmern können? Bei den Recherchen bin ich auf Kerstin Held gestoßen. Als der Text dann erschien, sagte mir Kerstin Held: "Du hast mich stolz auf mein Leben gemacht." Ich habe davor nicht realisiert, dass auch darin viel Sinn journalistischer Arbeit liegen kann. Sonst denke ich eher von den Lesern her und überlege, welche Geschichten wertvoll für sie sein könnten. Dass mich Kerstin Held daran erinnert hat, was so ein Text auch für die Protagonisten bedeutet, ist ein schönes Gefühl.

Wie kam der Kontakt zur Pflegemutter in der Geschichte zustande, und wie war die Zusammenarbeit/Recherchezeit?
Der Kontakt kam über den "Bundesverband behinderter Pflegekinder e.v." zustande. Kerstin Held war von Anfang an sehr offen und hat mich nah an ihrem Leben teilhaben lassen. Wir haben uns über knapp ein Jahr immer mal wieder getroffen. Ich habe Ausflüge mit der Familie gemacht und sie bei einem Wochenende begleitet, während dem sie andere Eltern mit behinderten Pflegekindern getroffen hat. Das kommt in dem Text nicht vor, hat mir aber sehr geholfen, Kerstin Helds Weg einschätzen und verstehen zu können.

GEO 01/2018 "Frau Held, Mutter"
Die Geschichte "Frau Held, Mutter" ist eine Mischung aus Reportage, Portrait und Interview

Fotos: Jacobia Dahm

Was hat Sie besonders bewegt, und welche Begegnung erinnern Sie besonders intensiv?

Eine Frau nimmt insgesamt neun behinderte Kinder bei sich auf, begleitet sie teils bis in den Tod und möchte eben dies nicht sein: eine Heldin. Natürlich fragt man sich während solch einer Recherche schon, was man eigentlich aus seinem eigenen Leben macht und ob man die richtigen Prioritäten setzt. Besonders bewegt hat mich der liebevolle Umgang von Held mit ihren Pflegekindern. Zum Beispiel wie sie ihrem Pflegesohn den Sauerstofftank hinterherschob, wenn er draußen herrumtobte. Oder wie ihr – das einzige Mal in stundenlangen Gesprächen mit mir – die Stimme brach, als sie vom Tod ihres Pflegekindes Lotta erzählte. Deren leibliche Mutter durfte ich ebenfalls kennenlernen. Sie sagte mir: "Kerstin Held hat nicht nur meine Tochter gerettet. Sie hat auch mich gerettet."

Sie sind nun bereits mit dem fünften? Preis für Ihre Geschichte ausgezeichnet worden, was bedeutet das für Sie?
Das freut mich natürlich. Vor allem auch, dass die Mischung aus Reportage/Portrait/Interview den Leuten gefallen hat. Das habe ich davor noch nie ausprobiert. Toll auch, dass die Protagonistin Kerstin Held bei ein paar der Preisverleihungen dabei ist und sich so mitfeiern lassen kann.

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Die Reportage "Frau Held, Mutter" ist in GEO Ausgabe 01/2018 erschienen.
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