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„Neue Lust auf Zukunft“

Hamburg - 18. Juni 2020 - Wie finden wir aus der aktuellen Corona-Krise wieder heraus? Sowohl für das Wirtschaftsmagazin CAPITAL als auch in dem Podcast „Die Stunde Null - Deutschlands Weg aus der Krise“ spricht CAPITAL-Chefredakteur Horst von Buttlar mit Expert*innen über Strategien für den Exit. Mehr über diese Zukunft nach Corona gibt es im Interview mit Horst von Buttlar, erschienen im G+J-Intranet.

Lieber Horst, im Editorial der letzten CAPITAL-Ausgabe schreibst du: „Im besten Fall kann der Nullpunkt, auf den wir jäh zurückgeworfen worden sind, ein Weckruf zu einer neuen Lust auf Zukunft sein, die oft schon in der Welt von gestern verloren gegangen schien.“  Wir wollen es genauer wissen und bitten dich um eine Prognose, wie unsere „neue Zukunft“ aussehen wird. Das funktioniert natürlich nicht in zwei Sätzen. Daher machen wir es so: Wir werfen dir ein Stichwort zu und du lieferst uns eine kurze Zusammenfassung der aktuellen Diskussion zu dem Thema mit deiner Zukunftsprognose oben drauf. Los geht’s mit…

Wirtschaft

Wo stehen wir?

Seit der Lockerung und dem Ende des Shutdowns orakeln alle, wie schnell die Erholung ausfallen wird. Das beschreiben sie mit Buchstaben, ein V steht für eine schnelle Erholung, ein U für eine etwas längere und ein L für eine längere Phase der Stagnation. Das V ist ziemlich vom Tisch, alle erwarten ein U – weil die Menschen sich doch noch beim Konsum zurückhalten. Sie gehen einfach nicht wie früher in die Restaurants oder kaufen gleich die ganzen Läden leer. Das hieße, die Erholung setzt vermutlich in diesem Jahr ein, wird aber sicher erst im kommenden Jahr voll entfalten. Und das hängt eben alles von dieser berühmten zweiten Welle ab, von der niemand weiß, ob sie kommt.

Zukunftsprognose:
Es wird eine große Ungleichzeitigkeit bei den Branchen gehen, einige legen zaghaft wieder los, wie der Handel und die Gastronomie, andere wie der Tourismus versuchen, den Sommer zu retten – und die gesamte Veranstaltungsbranche hat das Jahr abgeschrieben und hofft auf das kommende Jahr. Das Geldexperiment der Notenbanken tritt in eine neue Phase, mit immer neuen Ankaufprogrammen in Billionenhöhe – das wird eine Art Endspiel. Meine Hoffnung auf ein V habe ich fast aufgegeben, ich erwarte auch ein U. Ich bin also in der Herde.

Arbeit

Wo stehen wir?
Twitter und Facebook machen es vor und haben Home-Office für immer angekündigt, freiwillig natürlich. Und die ersten Banken entmieten ihre Büros. Und da wir alle immer ein bisschen wie Facebook und Twitter sein wollen, denken jetzt viele Unternehmen nach, ob sie das auch tun sollen. Die Büros füllen sich langsam wieder, und wer zurückkommt, freut sich sogar.

Zukunftsprognose:
Für eine Bilanz ist es viel zu früh, weil alle das Home-Office in einer Phase des Notstandes und Ausnahmezustandes erlebt haben. Sie hatten Angst um die Gesundheit und mussten parallel ihre Kinder unterrichten oder auf sie aufpassen oder sie immer wieder gerade vor den Fernseher hinsetzen, und das zehrt an den Kräften und Nerven. Wir können also gar nicht beurteilen, wie kreativ und produktiv wir sind, wenn wir ein ganz „normales“ HomeOffice machen. Wir reden ja hier immer noch auch über ein recht elitäres Phänomen. Und so sind die einzigen, die vielleicht ein Zwischenfazit ziehen können, dass sie eigentlich jetzt mal ganz prima wieder runtergekommen sind, die Menschen aus der Entschleunigungselite, also jene Menschen, die die ganze Zeit durchs Land und um den Globus gehetzt sind. Für Gruner + Jahr erwarte ich eher eine Mischform, also mehr Home-Office als früher, aber wir müssen uns auch treffen, wir brauchen Begegnungen für Kreativität: Viele Ideen stehen eben dann doch auf dem Flur oder in der berühmten Kaffeeküche. Aber brauchen wir wirklich noch so viel Fläche?

Europa

Wo stehen wir?
Europa war in der ersten Phase dieser Krise verschwunden. Da war jedes Land sich selbst das nächste, und vermutlich war das auch ganz natürlich, weil Landesgrenzen nun mal etwas waren, das man abriegeln konnte. Trotzdem war auch die europäische Solidarität in Quarantäne. Nun hat sich Europa mit dem gigantischen Rettungsprogramm in Höhe von 750 Milliarden Euro zurückgekämpft. Gerade noch rechtzeitig, auch wenn darüber noch viel gestritten wird. Das Wichtigste in diesem Paket ist, dass Deutschland ein Trauma überwunden hat – seit 2012 haben wir sehr viele Vorhaben blockiert, unsere Europapolitik war ein großes Vakuum. Weil wir halt immer Angst um unser Geld hatten. Dafür gibt es viele nachvollziehbare Gründe, aber es hat auch dazu geführt, dass Europa gar keinen Motor mehr hatte.

Zukunftsprognose:
Um das Paket wird noch viel gerungen und gestritten werden, wie immer wenn’s ums Geld geht. Die Zeit, in der Helmut Kohl einfach nur Schecks verteilt hat, war eben etwas übersichtlicher und einfacher. Ob dieses Paket also Europa spaltet oder wieder zusammenführt, ist völlig offen. Es ist aber ein guter Grundstein für eine gemeinsame Vision und Wohlstandsformel.

Globalisierung

Wo stehen wir?
Die Globalisierung war schon vorher auf dem Rückzug, seit einigen Jahren leidet der Freihandel unter dem Handelskrieg zwischen den USA und China. Auch in anderen Ländern gab es Bewegungen zu Abschottung und Protektionismus.

Zukunftsprognose:
Seit Jahrzehnten bewegt sich die Globalisierung in Wellen. Seit einiger Zeit erleben wir einen Aufschwung von Protektionismus und Nationalismus. Es gibt keinen Punkt in der Geschichte, in der solche Bewegungen den Wohlstand gesteigert haben.

Aktien

Wo stehen wir?
Nach dem historischen Einbruch im März haben sich die Märkte rasant erholt, und vielen ist mulmig zu Mute. Manche sprechen von der „meist gehassten Rallye“ aller Zeiten. Letzte Woche gab es auch eine kräftige Korrektur. Die Optimisten spekulieren auf eine rasche Erholung, die Pessimisten finden, dass die Optimisten zu optimistisch sind. Die Optimisten sagen, dass auf Dauer die Kurse wieder steigen müssen, weil die Zinsen ja über Jahre bei Null liegen werden.

Was bedeutet das für den normalen Anleger?
Nun, zum einen sollte er ein wenig aufpassen, und einen eigenen Puffer für Nachkäufe, aber vor allem für mögliche schwere Zeiten haben. Ansonsten sollte er sich nicht verrückt machen lassen, Sparpläne weiterlaufen lassen oder gar aufstocken. Die Unsicherheit und Volatilität an den Märkten wird uns noch einige Zeit erhalten bleiben.