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Präsidentschaftswahl in den USA – Hochbetrieb in der STERN-Redaktion

Am Dienstag stimmen die US-Amerikaner über ihren Präsidenten ab, der Wahlkampf befindet sich in der heißen Phase. Auch für die STERN-Redaktion bedeutet das in den kommenden Tagen Hochbetrieb. Die Kolleg*innen bereiten sich auf alle denkbaren Ergebnisse vor, um zum Redaktionsschluss ein gutes, aktuelles Angebot zu haben. Der Druckschluss wird bis Mittwochabend verlängert, um so aktuell wie möglich zu berichten, der STERN erscheint ausnahmsweise am Freitag, 6. November.

In einem eigens eingerichteten digitalen US-Wahl-Newsroom kann die Redaktion alle Entwicklungen schnell austauschen und bewerten. Daran sind alle beteiligt, von Print und Online über Video bis Social Media. Das New Yorker STERN-Büro liefert, auch im Austausch mit den Kolleg*innen von RTL in den USA, unmittelbare Einblicke von vor Ort. In der Hamburger Redaktion halten sich den ganzen Dienstag und am Mittwochmorgen, wenn die ersten Ergebnisse erwartet werden, Reporter*innen, Redakteur*innen und ehemalige Korrespondent*innen bereit, um die Ereignisse der Wahlnacht und die internationalen Reaktionen zu analysieren, zu kommentieren und neue Entwicklungen zu recherchieren. STERN.de wird in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch rund um die Uhr im Einsatz sein: Im Liveblog können alle Entwicklungen sowie die Ergebnisse aus den einzelnen Bundesstaaten in Grafiken verfolgt werden. Hinzu kommen laufend Analysen, Hintergründe und Kommentare.

Anlässlich dieser großen politischen Lage berichtet Nicolas Büchse, der das STERN-Büro in New York leitet, im Gruner + Jahr-Intranet von seinen Eindrücken vor Ort.

Nicolas, wie nimmst du die Stimmung im Land wahr?
 
Die Anspannung ist gewaltig. Bei Republikanern und Demokraten. Vergangene Woche war ich in Arizona und habe Abtreibungsgegner getroffen, die Wahlkampf für Trump machten.  Eine junge Frau sagte mir, es sei die wichtigste Wahl ihres Lebens. Kurz darauf war ich beim Women’s March in Washington DC. Tausende Menschen protestierten gegen Trump, auch sie sprachen von der wichtigsten Wahl ihres Lebens. Es geht für die Menschen um sehr viel. Und auch wenn Joe Biden in den Umfragen vorne liegt, sind die Anhänger von Demokraten nur gedämpft optimistisch. Das Trauma von 2016 ist nicht vergessen.

Wie lauten die jüngsten Prognosen?
 
Trump läuft die Zeit davon. Aktuelle Umfragen sehen Joe Biden auf nationaler Ebene wieder zehn bis 13 Prozent vor Donald Trump. Wichtiger ist aber natürlich, wie Biden in den Swing States dasteht. Aktuelle Umfragen aus Minnesota, Pennsylvania und Michigan sehen Joe Biden vorne. Spannend bleibt der wichtige Staat Florida, die aktuellste Umfrage sieht Joe Biden vier Punkte vor Trump.  Wie man in den USA so schön sagt: „It ain’t over until it’s over“. Ich habe in den letzten Tagen lange mit demokratischen Beratern und Strategen gesprochen, viele sind trotz der guten Umfragewerte nervös. „Es sieht zwar ziemlich gut aus für Biden im Moment, aber wir wissen nicht, ob nicht doch am Wahltag plötzlich die Republikaner in gewaltiger Zahl wählen gehen. Das Land ist so schrecklich polarisiert, alles ist möglich“, sagte mir einer. Laut den Meinungsforschern von FiveThirtyEight liegt die Chance auf Trumps Wiederwahl ein wenig unter der Wahrscheinlichkeit, dass man mit einem 6-Augen-Würfel eine Eins würfelt. Ich habe es ausprobiert, mir ist es leider schon beim zweiten Wurf passiert.
 
Wie schätzt du die Lage ein?
 
Okay, ich lehne mich jetzt mal aus dem Fenster: Biden gewinnt. Die Frage ist allerdings, wie hoch. Und ob wir das schon in der Wahlnacht wissen. Denn viele Ergebnisse aus wichtigen Swing States werden erst nach Tagen bekannt gegeben – das liegt auch daran, dass wegen der Corona-Krise die Zahl der Briefwähler so gewaltig gestiegen ist. Ich denke, dass Trumps Lager in jedem Fall versuchen wird, unerwünschte Ergebnisse anzuzweifeln und juristisch dagegen vorzugehen. Wenn es schlecht läuft, erwartet uns ein Chaos in den Tagen nach der Wahl mit einem Präsidenten, der seine Niederlage nicht eingestehen will.
 
Wie läuft der Wahltag für dich ab?
 
Das weiß ich noch nicht genau. Ich habe zum Glück hervorragende Kollegen im New Yorker Büro. Zusammen mit der Rechercheurin Anuschka Tomat, der Bildredakteurin Angelika Hala und dem Korrespondenten Jan Christoph Wiechmann stimme ich mich ab. Wir werden natürlich versuchen, mittendrin zu sein. Klar ist: Es wird stressig, denn wir produzieren schon in der Wahlnacht das Heft. Und wir müssen auf jeden möglichen Ausgang der Wahl vorbereitet sein.
 
Hast du eine Buch-, Podcast- oder Film-Empfehlung zur politischen Lage in den USA?

Buch: „Why We’re Polarized“ von Ezra Klein. Eine kluge Analyse der gespaltenen amerikanischen Gesellschaft.

Podcast: „Pod Save America“. Hier analysieren ehemalige Obama-Mitarbeiter die Politik, vergangene Woche war ihr alter Chef Obama persönlich zu Gast und redete über den Wahlkampf. Und jeden Montag warte ich sehnsüchtig auf eine neue Folge von „Conan O’Brian Needs a Friend“, der Comedian hatte neulich Michelle Obama zu Gast und Hillary Clinton.

Film: Vor ein paar Monaten, auf dem Höhepunkt der Black-Lives-Matter-Demos, habe ich mir wieder Spike Lees „Do the Right Thing“ angesehen, ein zeitloses Meisterwerk über rassistische Spannungen in einem Viertel in Brooklyn.

Wem folgen auf Twitter?

Maggie Haberman von der New York Times hat wohl das beste Informanten-Netzwerk im Weißen Haus. Susan Glasser vom New Yorker schreibt hervorragend Analysen. Und George Conway, der Ehemann von Trumps ehemaliger Beraterin Kellyanne Conway, führt den unterhaltsamsten Twitterkrieg gegen Donald Trump.

 

Hörtipp: Noch mehr spannende Einblicke in den US-Wahlkampf gibt es von montags bis freitags im STERN-Podcast „Inside America“ (https://www.stern.de/politik/ausland/inside-america/krieg-im-rentnerparadies--wie-sich-demokraten-und-republikaner-in-florida-bekaempfen-9437362.html). Darin erzählt US-Korrespondent Jan Christoph Wiechmann von seinen täglichen Recherchen mitten im Land. Ganz nah an den Menschen, direkt und kompakt.