Inside G+J

STERN CRIME macht Schule

STERN CRIME macht Schule

25. Mai 2018 – CRIME im Abo? Kennen wir. CRIME im Abi? Noch nicht. Bis jetzt: "Fallgeschichten – literarische Analysen des Verbrechens" lautete ein Thema der schriftlichen Abiturprüfung 2018 im Fach Deutsch an Hamburger Schulen. Diskussionsgrundlage hierfür waren zwei Texte aus dem True Crime-Magazin von G+J.

Georg Büchner, Annette von Droste-Hülshoff oder Heinrich Böll: Es sind große Namen der deutschen Literatur, mit deren Werken sich die diesjährigen Hamburger Abiturienten in ihrer Deutschklausur befassen sollten. Der illustren Liste hatte die Schulbehörde für die Abituraufgabe noch zwei weitere Autoren hinzugefügt: Essays der STERN-Journalisten Frauke Hunfeld und Stephan Maus, veröffentlicht in STERN CRIME 1/2015 bzw. 9/2016, galt es für die Schüler in Beziehung zu einer kriminalliterarischen Geschichte zu setzen - ob "Woyzeck", "Die Judenbuche" oder "Die verlorene Ehre der Katharina Blum".

Erfahren habe er von der Verwendung seines Textes durch einen STERN-Kollegen, dessen Tochter gerade ihre Deutschklausur geschrieben hätte, schildert Stephan Maus: "Der Kollege kam in mein Büro und sagte, er wisse zwar nicht, ob ich die psychische Reife für seine Nachricht hätte, er wolle mir aber trotzdem sagen, dass eine meiner CRIME-Geschichten Thema in der Hamburger Deutsch-Abiturprüfung gewesen sei. Ich war überrascht. Ich dachte immer, wenn überhaupt, wird man nur mit Aufsätzen über experimentelle Gegenwartslyrik zum Abiturthema. Um so mehr hat es mich gefreut, dass ein CRIME-Essay von den Schülern interpretiert wurde. Nächstes Jahr darf die Hamburger Schulbehörde dann gern meinen Essay 'Bis die Fontanelle platzt. Steinzeit-Diät im Selbstversuch' analysieren lassen."

Zwischen insgesamt vier Schwerpunktthemen konnten die Hamburger Schüler in der Deutsch-Abiturklausur wählen. Neben Lyrik, Sprache und "Denk ich an Deutschland... – Momentaufnahmen aus dem 19. und dem 21. Jahrhundert" stand die Analyse von Kriminalliteratur zur Auswahl, auszuwerten anhand der beiden CRIME-Stücke. 315 Minuten hatten die Abiturienten Zeit, um folgende Aufgabenstellung zu bearbeiten:

I.1 Fassen Sie die von Stephan Maus in seinem Essay "Licht in die Finsternis" angeführten Gründe, warum der Mensch Verbrechen verstehen will, zusammen.

I.2 Setzen Sie die von Stephan Maus angeführten Gründe in Beziehung zu einer Fallgeschichte aus der obigen Liste 2. bis 8. [Friedrich Schiller: Der Verbrecher aus verlorener Ehre; Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas; Georg Büchner: Woyzeck; Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche; Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel; Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum; Ferdinand von Schirach: Verbrechen]

I.3 Erörtern Sie, ausgehend von Text b ["Am Anfang war der Mord" von Frauke Hunfeld] und von Ihren Ergebnissen der Bearbeitung der Teilaufgaben I.1 und I.2, ob ein Magazin wie "STERN CRIME. Wahre Verbrechen" eine moderne Entsprechung zur "Erfahrungs-Seelenkunde" von Karl Philipp Moritz sein könnte.

"Im Verbrechen und im Täter zeigen sich die Konflikte einer Gesellschaft wie unter einem Brennglas – und im Verbrechen kann man das Leben unter Extrembedingungen studieren. Im Verbrechen zeigt sich, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist. Darunter lauert das Chaos. Verbrechen erinnern uns daran, dass Zivilisation immer wieder neu verhandelt werden muss. Und mehr als das: Unter den Extrembedingungen des Verbrechens zeigt sich die ganze Bandbreite menschlicher Entwicklungsmöglichkeiten. Die Ergründung eines Verbrechens antwortet auf das Bedürfnis, die Bedingungen des Menschlichen ausloten zu wollen", erläutert Stephan Maus in seinem Essay "Licht in die Finsternis".

Und Frauke Hunfeld schreibt in "Am Anfang war der Mord": "Es gibt viele Arten, mit Verbrechen umzugehen. Der Gerichtsprozess ist eine, Moral und Religion sind andere. […] Journalistische Geschichten sind auch eine Art des Umgangs. Es sind die Lagerfeuer-Erzählungen der modernen Welt. Geschichten sind Basis unseres Verstandes, die Basis unserer Seele. Geschichten bestimmen, wie sich Menschen verhalten, wie sie fühlen und wie sie Sinn aus ihren Erfahrungen konstruieren. Geschichten organisieren die Informationen über das Leben. Ereignisse ergeben erst als Geschichten einen Sinn."

Ob die Abonnenten-Zahl von STERN CRIME übrigens nach dem Abitur gestiegen ist, ist leider nicht bekannt. In jedem Fall aber wissen wir jetzt, was Hamburger Lehrer neben den Klassikern der Kriminalliteratur noch lesen...