Inside G+J

„Wichtige Fragen für eine Demokratie kann man als Reporter nicht vom Schreibtisch aus beurteilen“

Hamburg, 20.01.2021 – Wenn Joe Biden heute zum Präsidenten der USA vereidigt wird, wird er darüber berichten: Im G+J-Intranet erzählt STERN-Korrespondent Jan Christoph Wiechmann, wie es ihm als Journalist in Amerika derzeit geht.

Corona, Trumpisten – wie sicher fühlst du dich als Reporter in den USA?

Ich fühle mich in den USA weiterhin sicher trotz der sehr hohen Infektionszahlen. Natürlich halte ich mich an die Coronabestimmungen, trage Maske, halte Abstand, aber als Reporter können wir nicht zuhause bleiben, sondern müssen raus und berichten. Da bleibt ein Restrisiko, weil wir viel unterwegs sind: in Zügen, U-Bahnen, Flugzeugen. Aber Kassiererinnen oder Postboten können auch nicht zuhause bleiben. Das ist eben unser Job. In New York nennt man uns Journalisten „essential worker“ und ließ uns auch beim strikten Lockdown draußen unterwegs sein. Keine schlechte Bezeichnung: essential worker.

Und Begegnungen mit Trump-Anhänger*innen?

Verliefen bisher nie problematisch. Ich habe mit Dutzenden gesprochen, in Michigan, Pennsylvania, Florida, vor allem abseits der Küsten und Großstädte. Es war selten unangenehm, auch wenn manche ihrer Argumente schwer zu verstehen sein mögen. Nicht selten wurde ich sogar nach Hause eingeladen. Einen deutschen Journalisten in der Provinz fanden sie interessant, auch wenn wir für Viele Teil der „Fake News“ sind. Anders war es beim Angriff aufs Capitol in Washington. Die Randalierer – angestachelt von Trumps Hetze gegen die Medien – machten tatsächlich Jagd auf Reporter. Neun wurden verletzt. Einige Journalisten haben sich jetzt mit kugelsicheren Westen ausgestattet und ein Training für Krisengebiete absolviert.

Wie wirkt sich die aktuelle Situation darauf aus, wie Journalist*innen vor Ort ihrer Arbeit nachgehen? Inwieweit hat sich dein Arbeitsalltag verändert?

Man muss sich als Korrespondent in diesen Zeiten etwas anders organisieren. Die Bundesstaaten haben sehr unterschiedliche Auflagen. Will ich nach Washington, brauche ich vorher einen negativen Coronatest. In Texas brauche ich ihn nicht. Übernachte ich in Maryland, muss ich zehn Tage in Quarantäne. In Georgia nicht. Und wann immer ich zurück nach New York komme, wo ich lebe, muss ich in Quarantäne und darf erst nach dem vierten Tag nach einem negativen Test wieder raus. Es ist ein logistisch anspruchsvolleres Unterfangen.

Bedeutet für den Tag der Amtseinführung?

Gerade wenn es um die Inauguration eines neuen Präsidenten geht, sollten wir vor Ort sein. Noch mal mehr, weil das Capitol vor zwei Wochen Schauplatz der Erstürmung durch Trumps Unterstützer war. Wie werden Trumps Anhänger reagieren? Wie gesichert ist die Hauptstadt Amerikas? Eine Kriegszone? Können Bürger überhaupt ihren neuen Präsidenten begrüßen? Das sind wichtige Fragen für eine Demokratie. Solche Fragen kann man als Reporter nicht vom Schreibtisch aus beurteilen.

Wie sieht die Lage vor Ort denn aus?

Derzeit ist es gespenstisch in Washington, wo ich gerade bin. Kaum Bürger auf den Straßen, fast nur Uniformierte. Die Anspannung ist zu spüren. Ich glaube eher, dass es bei der Amtseinführung ruhig bleiben wird, zumindest hier. Dafür sind zu viele Polizisten und Nationalgardisten in der Stadt. Angst habe ich nicht. „Pass auf Dich auf“, höre ich derzeit oft aus Deutschland, als lebte ich in einem Kriegsgebiet. Man muss das schon relativieren: In Caracas, Kabul oder Culiacan ist es gefährlicher. Die USA stehen nicht am Rand eines Bürgerkriegs, aber natürlich haben uns die Ereignisse vom 6. Januar alle schockiert.

Mehr von Jan Christoph Wiechmann gibt es im neuen STERN. In Heft 4/21 berichtet er gemeinsam mit Raphael Geiger über den neuen US-Präsidenten Joe Biden, dessen Kabinett und seinen politischen Kurs. STERN.de covert die Inauguration in einem Liveblog und analysiert den Machtwechsel aus verschiedenen Blickwinkeln.