Wie verändert das Thema „Nachhaltigkeit“ den Food-Journalismus?

Hamburg, 29. September 2020 – Bei G+J steht der September unter dem Motto „Packen wir’s an“ im Zeichen der Bertelsmann Content Alliance Nachhaltigkeitswochen. Welche Rolle die Meta-Trends ‚bewusste Ernährung‘ und ‚Zero Food Waste‘ für die Foodmarken spielen und wie sie den Food-Journalismus beeinflussen, erklärt G+J-Food-Publisher Jan Spielhagen im Intranet-Interview.

Jan, das Thema nachhaltige Ernährung ist momentan auf allen Kanälen präsent. Auch das Motto der der Bertelsmann Content Alliance Nachhaltigkeitswochen ist „Packen wir’s an – für verantwortungsvolles Essen“. Was bedeutet diese Entwicklung für den Food-Journalismus?
Der Food-Journalismus verändert sich rasant. Es sind in den letzten Jahrzehnten, Jahren – aber auch ganz frisch in den vergangenen Monaten – ein paar Themen hinzugekommen, die für unsere Leser*innen und User*innen enorm schnell enorm wichtig geworden sind. Grundsätzlich kann man diese neuen Themen unter die beiden Meta-Trends „Gesunde Ernährung“ und „Individualisierung der Ernährung“ zusammenfassen. Mit diesen beiden Meta-Trends wiederum beschäftigen wir Foodjournalist*innen uns schon mehr als eine Dekade lang. 
Auch mit den klassischen kulinarischen Nachhaltigkeitsthemen setzen wir uns bereits lange auseinander: Thunfisch zum Beispiel steht auf der Roten Liste von Essen & Trinken, Stopfleber setzen wir seit vielen Jahren nicht mehr ein und der ökologische Landbau und Bio-Lebensmittel sind bei uns seit Langem Thema. Aber der Nachhaltigkeitsaspekt bei Online-Bestellung und -Lieferung, die persönliche Klimabilanz bei der Ernährung und die Wegwerfvermeidung sind relativ neue Aspekte, die übrigens seit Beginn der Pandemie noch relevanter geworden sind.
Für uns Journalist*innen bedeuten die rasanten Veränderungen, dass wir uns genau wie bei allen anderen essenziellen Themen bei der Heftplanung in diese neuen Bedürfnisse unserer Leser*innen hineinversetzen und versuchen, ein entsprechendes Angebot zu schnüren. Manchmal bedienen wir dabei ein Thema wie zum Beispiel Verpackungsvermeidung sehr konkret und kleinteilig, in dem wir Alternativen zur Alu- oder Frischhaltefolie diskutieren und vorstellen, mal findet dieser Service subtiler statt, weil in unseren Rezepten einfach weniger Lebensmittel auftauchen, die eine ungünstige Klimabilanz aufweisen. 
Interessanterweise kommen sich unterschiedliche Interessen mitunter in die Quere, wenn wir beispielsweise aus Klimaschutzgründen regionale Fische aus Nord- und Ostsee in unseren Rezepten verarbeiten wollen, diese jedoch von der Überfischung bedroht sind. Da hilft nur kluges Abwägen.

Wie haben sich unsere Food-Marken in diesem Zuge bereits konkret verändert? 
Schon seit einigen Jahren veröffentlichen wir Magazine, meistens Sonderausgaben, die ausschließlich vegetarische Rezepte zeigen. Und fast alle unserer Zeitschriften haben inzwischen „grüne Seiten“, die sich gezielt in jeder Ausgabe mit einem Thema aus den Bereichen Klimaschutz, Müllvermeidung und Ökobilanz auseinandersetzen. Dabei verfügt jede Magazinmarke über ihren eigenen individuellen Zugang. Während wir in Essen & Trinken bedenkenlos Biohähnchen empfehlen, nehmen uns das die Leser*innen des Chefkoch Magazins aus finanziellen Gründen übel. 
Übrigens ist die Zahl der Fleischgerichte und die Fleischmenge pro Teller in allen Magazinen gesunken. Und „Nose to Tail“ ist ein ebenso großes Thema geworden wie „Leaf to Root“ – bei BEEF! ebenso wie bei Essen & Trinken, für jeden Tag oder dem Chefkoch Magazin.  

Wie geht ihr speziell bei einem Titel wie BEEF! mit dem Thema Nachhaltigkeit um?  Nachhaltigkeitsthemen spielten bei BEEF! von Anfang an eine große Rolle. Wir haben noch nie die Fleischprodukte aus der Massentierhaltung oder das Fleisch von Tieren, die hunderte Kilometer zur Schlachtung durch das Land gefahren werden, empfohlen. Bei BEEF! geht es in der Nachhaltigkeitsdiskussion eher um die Menge des verzehrten Fleisches und die Frage, ob der Import von besonderen Qualitäten aus, sagen wir, Japan oder Neuseeland sinnvoll ist. Das sind aber alles Fragen, die man im Sinne des Lesers und im Sinne der Nachhaltigkeit gleichermaßen beantworten kann. 
Viel schwieriger ist bei BEEF! die ständig lauter werdende Diskussion, ob Fleisch auch in der Zukunft noch ein gleichberechtigtes Lebensmittel neben Getreide und Gemüse sein kann. Anders als vor fast zwölf Jahren, als wir BEEF! gründeten, ist es heute lange nicht mehr so cool ein*e gute*r Griller*in zu sein oder die besten Quellen für herausragende Fleischqualitäten zu kennen. Im Gegenteil: Fleisch macht sich gerade unmöglich, und Fleischesser*innen büßen permanent an Status ein.
Diese grundlegende Diskussion führen wir auf allen Kanälen von BEEF! mit unseren Leser*innen, in den sozialen Medien ebenso wie im Magazin, wo wir seit einiger Zeit eine viel gelesene Serie zur Zukunft der Ernährung veröffentlichen, die sich sowohl mit pflanzlichen Fleischersatzstoffen als auch mit Insekten oder dem vertical farming beschäftigt.

Erhaltet ihr viele Rückfragen und Feedback von den Leser*innen zum Thema nachhaltige Ernährung?
Ja natürlich. Unsere Leser*innen wünschen sich von uns Einordnung und Erklärungen. Sie wenden sich mit ihren Sorgen und Fragen an uns, und wir sind es gewohnt zu antworten und die aktuellen Trends in neue Rezepte zu verwandeln. Genau das ist ja die Aufgabe von uns Foodjournalist*innen.