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Wie verändert sich ein Wohnmagazin in Zeiten von Quarantäne und Lockdown?

Hamburg, den 30.06.2020 - Was mit dem Reise-Spezial, das für den Monat Mai ausgerechnet mit Italien-Schwerpunkt geplant war, geschehen ist, warum die SCHÖNER WOHNEN-Farben auf gutem Weg zu einem All-Time High-Abverkauf sind, und wer jetzt auf einem Schreibtischstuhl in Erdbeerrosa sitzt – all das erfahrt ihr im Interview mit SCHÖNER WOHNEN-Chefredakteurin Bettina Billerbeck.

Bettina, die Nachfrage nach Wohn- und Einrichtungstipps müsste doch in Zeiten von Quarantäne und Lockdown immens gestiegen sein?

Stimmt. Am Anfang der Krise hatten sich ja lange Schlangen vor den Baumärkten gebildet, es gab einen Renovierungsboom. Die Recyclinghöfe waren auch überlastet – offenbar wurde kräftig ausgemistet und entrümpelt. Wer mehr Zeit als sonst zu Hause verbracht hat, dem ist bald aufgefallen, welcher Raum mal gestrichen und welches Regal dringend aufgeräumt werden musste. Sich auf dem Balkon ein zusätzliches Zimmer einzurichten, in dem einem nicht die Decke auf den Kopf fällt, war auch keine schlechte Idee. Viele mussten sich erst mal ein Home-Office installieren. Für all das waren Ideen, Lösungen und Kaufempfehlungen gefragt.

Habt Ihr daraufhin die ganze Themenplanung umgeworfen?

Im langfristigen Produktionszyklus von Monatsmagazinen kann man gar nicht so unmittelbar reagieren, zum Glück waren in den Frühjahrs- und Sommerheften ohnehin Outdoor-, Farb- und Stauraumthemen gesetzt. Unser Reise-Spezial, das für den Monat Mai und ausgerechnet mit Italien-Schwerpunkt geplant war, haben wir in den September verschoben. Auch den „Unterwegs“-Teil im Stammheft haben wir in den letzten Ausgaben gekürzt. Stattdessen sind für unseren Podcast SOFA SO GOOD zwei Sonderfolgen zum Thema „Schöner Wohnen in Quarantäne“ entstanden.

Welche Wohn-Themen interessieren die Menschen jetzt besonders? Ist ein Bürostuhl das neue Statussymbol?

Ein vernünftiger Schreibtischstuhl ist vor allem Gesundheitsvorsorge – und Ergonomie kein Hokuspokus. Fast jeder in unserem Team hatte in den letzten Monaten mal Nackenstarre oder Rückenschmerzen von der verkrampften Haltung am provisorischen Arbeitsplatz. Neben Home-Office-Themen haben auch Balkongestaltung, Gartengeschichten und Wandfarben am meisten interessiert. Ich habe mir übrigens auch schon einen Schreibtischstuhl für zu Hause bestellt – in Erdbeerrosa.

Glaubst du, dass es nachhaltige Veränderungen im Living-Bereich geben wird? Gewinnt Wohnen mit der Corona-Krise noch mehr an Bedeutung?

Unbedingt, viele haben in den letzten Monaten den Wert eines schönen Zuhauses erkannt und vielleicht auch festgestellt, dass sie eher weniger brauchen als mehr – was im besten Fall zu einem nachhaltigeren, qualitätsorientierten Konsum führt. Einige werden sich überlegen, ob sie weiter in der teuren Großstadt wohnen wollen oder nicht lieber weiter draußen – seitdem das mobile Arbeiten neue Freiheiten gebracht und die konservativsten Arbeitgeber überzeugt hat. „New Work“ ist das Thema der Stunde: Wir arbeiten im Living-Bereich gerade an einem Supplement dazu, das im Herbst SCHÖNER WOHNER und HÄUSER beiliegen wird.

Welche Reaktionen bekommt ihr von Leser*innen und User*innen?

Die Reaktionen kann man in erster Linie unseren Zahlen ablesen, seit Mitte März liegen die Einzelverkäufe fast aller SCHÖNER WOHNEN-Ausgaben über Vorjahr – die aktuelle Ausgabe 07/20 sogar über 20 Prozent. Die Reichweite von schoener-wohnen.de ist deutlich gestiegen (im Mai hat sie sich im Vergleich zum Vorjahr sogar mehr als verdoppelt) – die Nutzung des Raumplaners zum Beispiel hat signifikant zugenommen: 60 Prozent mehr User als im Vorjahr richten auf unserer Website ihre Räume virtuell neu ein. Im SCHÖNER WOHNEN-Shop laufen die Outdoormöbel besonders gut, im Mai wurden die Umsatzerwartungen deutlich übertroffen. Gute Nachrichten kommen auch von unseren Lizenz-Kollegen von G+J Brands: Es sieht so aus, als würde das erste Halbjahr 2020 für SCHÖNER WOHNEN-Farbe beste ihrer 20-jährigen Geschichte.

Worauf freut sich die Redaktion nach Corona am meisten? Welche Veränderungen werden bleiben?

Wir vermissen einander alle sehr und freuen uns schon wieder auf kreative Meetings in unserem bildschönen SCHÖNER WOHNEN-Konferenzraum. Uns haben auch die Designmessen und Pressetermine gefehlt. Aber es wird auch viel Gutes bleiben: mobiles Arbeiten, präzise und verbindliche Briefings, superkurze Konferenzen, digitale Workflows ohne Ausdrucke und Mappen – man könnte fast meinen, bei uns hätte sich ein Unternehmensberater ausgetobt, aber das haben wir alles aus eigener Kraft und binnen weniger Tage verändert.